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Wahrsagekunst in zwei Andensprachen

Ausführend: Dr. Vito Bongiorno


Einleitung und Kulturraum

vito5.jpgDie Forschung, um die es bei dieser Habilitation geht, besteht aus einer Analyse von Texten auf Quechua und Aymara (südliche Varianten) und betrifft die Deutung von künftigen Ereignissen mit Hilfe von Kokablättern. Die Texte werden in einer Feldforschung, in Bolivien (La Paz) und Peru (Cuzco) gesammelt, mit Sprechern der obengenannten Sprachen. Es werden die Merkmale der Texte und die Hauptprobleme analysiert, die diese für die linguistische Theorie darstellen. Die Texte und begleitende Praktiken werden als Beitrag zur ethnologischen Kenntnis heutiger Andengesellschaften angesehen.

 

Vorarbeiten

In einer Anfangsphase der Feldforschung (März/April 2008, La Paz) ließ ich einige "Wahrsagungssitzungen" simulieren. Es wurde ein Schema erarbeitet, um die mit Audio-Recorder aufgenommenen Texte zu analysieren. Das Schema enthält 8 deskriptive Felder. Die Texte werden mit Nummern gekennzeichnet und das Corpus wird als Anhang der Habilitation beigefügt.

Manche Probleme wurden bereits während der Interviews festgestellt. Unter anderem sind zwei Aspekte zu betonen:

  1. Die Beziehung (und ihre Perzeption) zwischen Wahrsager und magischen Kräften, die die Wahrsagung "unterstützen".
  2. Die Beziehung zwischen "illokutionärer" Kraft und linguistischer Form (zum Beispiel in Sätzen, die an die Berge gerichtet sind; diese enthalten linguistische "Höflichkeitsstrategien". Um diese und andere textuelle und pragmatische Probleme zu lösen, werden zwei theoretische Muster angewandt: das Modell S.P.E.A.K.I.N.G. (1974 von Dell Hymes bearbeitet) und die "Sprechhandlungstheorie" (1962 von John Austin bearbeitet).

Ziele

Die Habilitation versucht, die Wahrsagekunst als Darstellung von kulturellen Merkmalen zu begreifen, die die kontemporären Andengesellschaften kennzeichnen.
Folgende Aspekte werden betont:

  1. Die Beziehung zwischen der Logik, die zur Deutung von Kokablättern benutzt wird, und dem allgemeinen symbolischen System, in dem die Texte “gezäumt” sind. Zum Beispiel die Beziehung zwischen den Farben der Kokablätter und den lokalen Begriffen positiv und negativ (zustimmend und ungünstig).
  2. Die Beziehung zwischen den Werten, die die Gründe der Wahrsagungsriten bilden (zum Beispiel die Begriffe von Schicksal und von Zeit) und dem System von lokalen religiösen Werten. Zu diesem Zweck wird ein Muster benutzt, begründet auf der Entgegenstellung von historischen, sozialen und psychologischen Zusammenhängen – von denen jeder Text eine Darstellung ist – und Prozessen von “Enthistorisierung”, denen die rituell-religiösen Akten unterliegen (nach einem Begriff aus der italienischen Ethnologie, erarbeitet von Ernesto de Martino im Jahr 1959).

Ergebnisse

I. Formalisierung der Kommunikationssequenz bei einer Wahrsagungssitzung:

In einer ersten Feldforschung, begründet auf fünf Interviews, mit Quechua und Aymara Wahrsagern in La Paz, Bolivien, ermöglicht das gesammelte Material folgende Formalisierung der Sequenz von rituellen Akten und Sprachereignissen:

  1. Der Wahrsager fragt den Kunden nach dem Anlass seines Kommens.
  2. Nach der Beschreibung des Hauptthemas seitens des Kunden, fragt der Wahrsager nach einigen Kennzeichen der Personen, über die der Kunde etwas wissen möchte.
  3. Der Wahrsager besprengt eine Handvoll Kokablätter mit Alkohol.
  4. Die besprengten Blätter werden gekennzeichnet: der Wahrsager küsst sie oder bläst auf sie. Gleichzeitig nennt er die Personen, bei denen er Vorhersagen machen wird.
  5. Der Wahrsager rezitiert Sätze, mit denen er verschiedene überirdische Wesen um Hilfe bei der Deutung der Blätter bittet.
  6. Die Blätter werden auf ein farbiges Tuch geworfen und auf einen Tisch gelegt. Aus Lage und verschiedenen inneren Kennzeichen der Blätter wird eine erste Deutung abgeleitet. Diese besteht in einer Beschreibung des aktuellen Sachverhalts oder einer nahen Zukunft.
  7. Die schon geworfenen Blätter werden eingesammelt und wieder geworfen, ein oder zweimal; diese weiteren Würfe erlauben die Deutung von Ereignissen in ferner Zukunft, die in der ersten Auslegung beobachtet wurden. Diese Stufe entwickelt sich, wenn die erste Interpretation unerwünschte oder problematische Elemente enthält.

 

II. Beispiel eines Aymara Textes (Don Mateo aus El Alto, La Paz):

A. Anrufung von Bergen, die als Hilfskräfte bei der Deutung betrachtet werden, sind:

  1. Anrufung hoher Bergspitzen der Region La Paz vito1.jpg(Illimani, Wayna Potosí, Illampu u.a.): Siehe Foto 1, Sätze 1 und 2.
  2. vito2.jpgIdentifizierung von einigen Kokablättern mit Anrufung der Personen, über die man etwas wissen möchte (Namen von Personen, die der Kunde schon zuvor genannt hat) und ihre symbolische Beziehung zu den Bergspitzen. Siehe Foto 2, auf dem der Mann und die Frau in einer vertikalen und die Berge in einer horizontalen Sequenz zu sehen sind.

 

B. Deutung der geworfenen Kokablätter, betreffend ein Liebesverhältnis zwischen einem Mann und seiner Frau. Die Frau wird zu ihrem Mann zurückkehren, nachdem sie ihn betrogen hat.

vito3.jpgDie Frau ist auf dem zweiten Blatt von oben dargestellt und der Mann auf dem dritten. Das erste Blatt symbolisiert den “Weg”, den das Ehepaar durchlaufen wird, das vierte stellt die Vollendung der Wahrsagung dar.

 

  1. Satz 3 und Foto 3.
  2. vito4.jpgBeschreibung des Bildes, das die Blätter darstellen; die spezifische Deutung wird auf der Tatsache begründet, dass das Blatt, welches die Frau darstellt, grün ist (auf Aymara chʼoxña), die Farbe bedeutet symbolisch „zum Glück gebunden“ (Foto 3). Der Wahrsager beschreibt auch den entgegengesetzten Fall: die Frau verlässt ihren Ehemann für immer. Hier ist das Blatt, das die Frau darstellt, weiß (auf Aymara janqʼo), die Farbe bedeutet „zum Unglück gebunden“ (Foto 4).

 

 

 

 

Finanzierung

Die Feldforschung wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

 

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