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„Mensch-Ding-Verflechtungen indigener Gesellschaften“

Forschungsfragen und Ziele

Zu den bedeutenden ethnographischen Konvoluten der Bonner Altamerika-Sammlung (BASA) gehört eines aus der Grenzregion zwischen Brasilien, Surinam und Französisch Guyana. Manfred Rauschert trug die Sammlung seit den 1950er Jahren bei den Apalai und Wayana sowie deren indigenen Nachbarn, insbesondere den Tiriyó, zusammen. Die bisher kaum beforschte Sammlung wurde im Rahmen des Forschungsprojektes „Mensch-Ding-Verflechtungen indigener Gesellschaften“ untersucht. Auf der Grundlage dieser und weiterer Sammlungen von den Apalai, Wayana und Tiriyó, darunter die des Linden-Museums Stuttgart, des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, des Ethnologischen Museums Berlin und des Museums der Kulturen Basel sowie unter Einbeziehung von Fotografien, Filmen und Tonaufnahmen wurden Prozesse des Wissenstransfers und des kulturellen Wandels untersucht. Im Mittelpunkt des Interesses standen Transformationen, wie sie sich durch die generationenübergreifende Weitergabe von Wissen sowie durch die Begegnungen und den Austausch zwischen indigenen Gruppen aber auch zwischen diesen und Vertretern „westlicher“ Gesellschaften ereignen. Im Rahmen des Projektes wurden Methoden partizipativer Museumsforschung erprobt und durch die Einbeziehung der Herkunftsgemeinschaften weiterentwickelt. Erste Ergebnisse erbrachte im Oktober 2016 ein einwöchiger Workshop mit Vertretern der Wayana aus Französisch Guyana, der in der BASA durchgeführt wurde. Hier zeigte sich das besondere Potenzial dieser universitären Sammlung, um partizipative Museumsforschung zu erproben und erfolgreich umzusetzen. Sie bietet den großen Vorteil, Forschenden einen direkten und niederschwelligen Zugang zu den Objekten zu erlauben. Die darauf gründende, freizügige Arbeitsatmosphäre bot sogar Raum für neue Objektproduktionen (Abb. 1). Ein weiterer Workshop mit den Wayana fand im Februar/März 2018 statt. Dieser fand nicht nur in der BASA, sondern auch im Linden-Museum Stuttgart statt, wo anhand einer der jüngsten ethnographischen Sammlungen, die es von den Apalai und Wayana in deutschen Museen gibt kultureller Wandlungsprozesse zu untersuchen. In der BASA bereiteten die Wayana-Partner zwei Vitrinen und zwei lebensgroße Puppen mit Tanzkleidung für die Abschlussausstellung vor. Im Dezember 2016 fand ein erster Feldaufenthalt bei den Tiriyó im Süden Surinams statt, in dessen Verlauf gemeinsam mit Bewohnern des Dorfes eine Erhebung des Bestandes ihrer materiellen Kultur erfolgte. Ein weiterer Feldaufenthalt erfolgte von Dezember 2017 bis Januar 2018.

Im Rahmen des Projektes erstellte der Linguist Sérgio Meira zusammen mit indigenen Muttersprachlern Transkriptionen und Übersetzungen von Tonaufnahmen, die in den 1960er und 1970er Jahren bei den Apalai, Wayana und Tiriyó gemacht worden sind. Diese Transkriptionen und ihre Übersetzungen in die portugiesische und deutsche Sprache erscheinen 2019 in Buchform. Ziel des Projektes war der Aufbau einer Datenbank als Archiv der materiellen Kultur der Apalai, Wayana und Tiriyó. Mit dem Ziel einer digitalen Repatriierung materiellen und immateriellen Kulturerbes soll diese Datenbank auch den drei indigenen Gruppen zugänglich gemacht werden. Im Oktober 2017 fand ein Symposium statt, um erste Forschungsergebnisse zu präsentieren und mit internationalen Fachvertretern zu diskutieren. Den Abschluss des Projektes bildete die Ausstellung „maraké-Konfirmation: Wege in die Welt der Erwachsenen“, die am 13.12. 2018 in der BASA eröffnet wurde und noch bis 31.8.2019 dort zu sehen ist.
 

Abbildung 1
 

Foto: B. Ihde, 2016

Forschungsstruktur und Mitarbeiter

Das Forschungsvorhaben war als Verbundprojekt zweier universitärer und eines außeruniversitären Partners angelegt. Die Leitung des Bonner Projektteiles hatte Frau Prof. Dr. Karoline Noack inne, die Projektkoordination und Bearbeitung der ethnologischen Fragestellungen wurde von Dr. Beatrix Hoffmann-Ihde durchgeführt. Zur Arbeitsgruppe an der Universität Bonn gehörten zudem die beiden Linguisten Sergio Meira, PhD und Dr. Matthias Pache. Zusammen mit Partnern der Apalai und Wayana transkribierten und übersetzte S. Meira Tonaufnahmen oraler Traditionen, die M. Pache für die Publikation aufbereitete.

Der zweite universitäre Verbundpartner war das Institut für Film- und Medienwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Unter der Leitung von Prof. Dr. Vinzenz Hediger untersuchte Igor Karim Filme über die Apalai und Wayana. Unter der Leitung von Frau Dr. Doris Kurella wurden am Linden-Museum Stuttgart als dem dritten Verbundpartner von Heinrich Natho und Jennifer Lübke in Zusammenarbeit mit der pagina GmbH und den anderen Projektmitarbeitern eine Datenbank entwickelt, um darin ethnographische Objekte der Apalai, Wayana und Tiriyó zu erfassen. Aus museumswissenschaftlicher Perspektive erarbeiteten sie Konzepte für die Zusammenarbeit mit Angehörigen der Herkunftsgemeinschaften und in Vorbereitung auf die Abschlussausstellung.
 

Finanzierung und Laufzeit

Das Verbundvorhaben wurde durch das Bundesministerium für Bildung Forschung (BMBF) im Rahmen der Förderlinie „Sprache der Objekte“ finanziert und hatte eine Laufzeit vom 1.Mai 2015 bis 31. Dezember 2018.

Eine Anschubfinanzierung erhielt das Projekt in der Entwicklungsphase von der VW-Stiftung zur Durchführung eines Workshops und zur Publikation der dort präsentierten Beiträge. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) bewilligte 2012 ein viermonatiges Forschungsstipendium am Museu Paraense Emílio Goeldi, Belém und am Museum der Kulturen Basel, um die dort aufbewahrten ethnographischen Sammlungen der Tiriyó zu dokumentieren.

 

Abschlussbericht

„Mensch-­Ding-­Verflechtungen in indigenen Gesellschaften: intra-­ und transkulturelle Prozesse objektbasierten
Wissensaustauschs in den Guyanas“ (MDVindiGes) vom September 2018

 

Publikationen

Beatrix Hoffmann, Sérgio Meira, Karoline Noack, Matthias Pache:
Makuapoty Apalai & Arawaje Apalai (Coord./Hrsg.): Pake ahtao Apalai to ehtopohpyry poko Rauschert nymerohpyry sero
Histórias dos Apalai na coleção Rauschert. Erzählungen der Apalai aus der Sammlung Rauschert (2018)

Beatrix Hoffmann & Karoline Noack:
APALAI – TIRIYÓ – WAYANA …objects_collections_databases (2018)
 

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