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Die kostarikanischen Felsbilder der Cordillera de Guanacasteals Spiegelbild von Transkulturalität und politischer Interaktion

Thema und Kulturraum

Das Forschungsvorhaben will anhand der Felsbilder der kostarikanischen Cordillera de Guanacaste die Kulturabfolge, symbolische Repräsentation und politische Organisation in der archäologischen Region Gran Nicoya untersuchen. Im Mittelpunkt sollen dabei die komplexen Petroglyphen des Fundorts Pedregal (G-540 Pd) und die Oberflächenbefunde der benachbarten Siedlung von El Hacha (kein Fundortschlüssel) stehen. Das Gebiet zählte seit 800 n.Chr. zur südwestlichen Peripherie Mesoamerikas und wies sowohl Kontakte in den Mayaraum als auch in das mexikanische Hochland auf. Aufgrund ihrer kulturellen Grenzsituation kann dieselbe Region aber auch zum besseren Verständnis der Interaktion dienen, welche die archäologische Zwischenzone mit dem nördlichen Andenraum verband.


Fundplatz, Quellgattung und Forschungspotential

Der Fundort Pedregal liegt am Nordhang des Vulkans Orosi. Er weist mehr als 400 Petroglyphenteine auf, die anthropomorphe, zoomorphe und geometrische Motive zeigen. Während einige Verzierungen szenischen Charakter entwickeln, scheinen andere ein abstrakt verkürztes Bildinventar wieder zu geben, das sich bisher nur schwer deuten lässt. Obwohl sich viele Motive auf den Keramiken der Region wiederholen, sind die Darstellungen der beiden Quellgattungen bisher noch nie systematisch miteinander verglichen worden. Die kultur- und naturräumliche Zwischenposition, welche der Vulkan Orosi und die Cordillera de Guanacaste zwischen Meso- und Südamerika einnehmen, scheint darüber hinaus eine Verlinkung unterschiedlicher Stile und Embleme mit spezifischen Territorien bzw. Höhenzonen zu gestatten. Die Bildsteine weisen dabei nicht nur auf inner- bzw. inter-site relations hin, sondern erlauben möglicherweise auch direkte Rückschlüsse auf die politisch-räumliche Organisation der südwestlichsten Peripherie Mesoamerikas. Der Fundort Pedregal scheint darüber hinaus eine direkte Verbindung zwischen Petroglyphen und Siedlungsbefunden zu gestatten.
 

Problem-, Frage- und Zielstellungen

Obwohl Felsbilder in Costa Rica zum Nationalen Kulturerbe zählen, ist die Quellgattung bisher viel weniger als vergleichbare Darstellungen untersucht worden, die sich in Europa, Afrika oder Australien befinden. Im 19. Jahrhundert haben die meisten Bildsteine als Ausdruck kindlicher Zeichenübungen gegolten. Sie konnten aufgrund ihrer Größe weder gesammelt noch gehandelt oder ausgestellt werden. Von der prozessualen Archäologie des 20. Jahrhunderts ist dagegen immer wieder die mangelnde Assoziier-, Datier- und Deutbarkeit der Verzierungen beklagt worden.

Auf der Grundlage gewachsener Umfeldkenntnisse sowie neuer Dokumentations- und Datierungstechniken will das Forschungsprojekt nach Beweisen suchen, welche die chronologische Position, die Herstellung, die symbolische Bedeutung und die soziale Funktion der untersuchten Bildsteine belegen. An den Fundorten Pedregal und El Hacha werden dafür systematische Begehungen, stratigraphische Untersuchungen und ikonographische Dokumentationen erfolgen. Die Bildsteine sollen vollständig registriert, eingemessen und photographiert werden. Von ausgewählten Objekten entstehen vor Ort archäologische Maßstabszeichnungen. Die erfassten Dekors werden katalogisiert, klassifiziert und quantifiziert. In einem nachgeordneten Arbeitsschritt sollen die Darstellungen systematisch mit dem keramischen Bildinventar der Untersuchungsregion verglichen werden. Durch die Befliegung des Fundorts Pedregal und seine Luftbild gestützte Photographie (Orthographie) werden ein topographisches Geländemodell und animierbare 3-D Modelle der Bildsteine entstehen. Ergänzende geomagnetische Untersuchungen werden außerdem den Charakter archäologischer Verdachtsflächen klären. Alle erhobenen Daten sollen in einem Geographischen Informationssystem zusammenfließen.

Die Arbeitsergebnisse am Fundort Pedregal werden durch die Begehung weiterer Felsbildfundorte ergänzt und in den landschaftlichen und archäologischen Kontext der Cordillera de Guanacaste eingehangen. Dabei will das Forschungsprojekt auch die einzigen Felsbemalungen lokalisieren, die bisher aus Costa Rica berichtet worden sind. Die wissenschaftlichen Zielstellungen des Projekts werden durch denkmalpflegerische Operationen ergänzt, welche der Entfernung von Wespen- und Termitenbauten, der Markierung von Bildsteinen und Pfaden sowie der Anfertigung und Aufstellung von Informationstafeln dienen.

Arbeitsteam und Kooperationen

Das Forschungsvorhaben knüpft an eine Langzeitstudie an, die zwischen 1989 und 1996 von Ellen Hardy (University of California Los Angeles) und Ricardo Vázquez (Museo Nacional de Costa Rica) begonnen worden ist.

Es wird von Dr. Philippe Costa geleitet (Université de Paris I – Panthéon-Sorbonne, Unité Mixte de Recherche 8096, Archéologie des Amériques), der gleichzeitig auch die Verantwortung für das französische Teilprojekt trägt. Das deutsche Teilprojekt steht dagegen unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Prof. Karoline Noack und Prof. Nikolai Grube (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Abteilung für Altamerikanistik). Es wird von Dr. Martin Künne koordiniert. Das kostarikanische Teilprojekt ist an die Museos del Banco Central de Costa Rica (MBCC) angebunden, deren projektrelevante Verantwortung Licda. Priscilla Molina Muñoz wahrnimmt.

An den archäologischen Begehungen werden Studenten der Universidad de Costa Rica (UCR), der Université de Paris I – Panthéon-Sorbonne und der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn teilnehmen. Die Ausführung der Vermessungsarbeiten, Luftbildphotographien und geophysikalischen Untersuchungen wird dagegen vom „Institut National de Recherches Archéologiques Préventives“ (Inrap) sowie von der deutschen Grabungsfachfirma „Archäologie Manufaktur“ geleistet. Alle chemisch-physikalischen Analysen finden am „Laboratoire de Recherche des Monuments Historiques“ (LRMH) statt. Bei der Wahrnehmung der denkmalpflegerischen Aufgaben wird das Vorhaben eng mit dem Museo Nacional de Costa Rica (MNCR) und den Wissenschaftlern der „Área de Conservación Guanacaste“ (ACG) zusammenarbeiten.


 

Projektleitung:

Dr. Philippe Costa (Université de Paris I – Panthéon-Sorbonne)
Prof. Karoline Noack (Universität Bonn – Abteilung für Altamerikanistik)
Prof. Nikolai Grube (Universität Bonn – Abteilung für Altamerikanistik)

 

Projektkoordination:

Dr. Martin Künne
 

Finanzierung und Laufzeit:

Die Projektlaufzeit wird die Jahre 2018 (Vorprojekt), 2019 und 2020 (Hauptprojekt) sowie das Jahr 2021 (Projektabschluss) umfassen.

Das Gesamtprojekt ist in Frankreich beim „Ministère de l’Europe et des Affaires Étrangères“ unter dem Namen „Projet scientifique et technique Cordillere Guanacaste […]“ eingereicht worden. Das französische Teilprojekt wird vom Institut Français d'Amérique Centrale (IFAC) unterstützt. Das deutsche Teilprojekt basiert dagegen auf der Förderung durch die „Deutsche Altamerika-Stiftung“.

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