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Transkulturalität und wirtschaftliche Austauschbeziehungen im Formativum im Hochtal von Cochabamba, Bolivien

Forschungsgeschichte

Aufgrund der geographischen Bedingungen der Anden waren seit jeher Verbindungen der Bevölkerung zu den jeweils anderen ökologischen Regionen notwendig, um den Zugang zu nicht-lokalen Nahrungsmitteln und anderen Gütern zu sichern. Das Cochabamba-Talsystem bildete seit frühester Zeit einen attraktiven Siedlungsraum an den zerklüfteten Ostabhängen der südzentralen Anden Boliviens. Die fünf miteinander verbundenen Täler besitzen eine gute Bodenqualität und befinden sich in einem strategisch günstigen Korridor auf etwa 2500 m Höhe zwischen dem Hochland und dem subtropischen Tiefland.

CochabambaBereits in prähistorischer Zeit waren die Täler relativ dicht besiedelt. Das vorliegende Projekt fokussiert die Untersuchung auf die Periode des Formativums (ca. 1500 v.Chr. – 200 n.Chr.), denn hier bildeten sich die sozio-ökonomischen Grundlagen aus, die wesentlich zum Verständnis der späteren Gesellschaften beitragen. Aus diesem Zeitraum stammen zahlreiche Zeugnisse fremder Gruppen, die einerseits durch Handel und andererseits durch die Ansiedlung dieser Gruppen dorthin gelangten. Das Vorhaben versteht sich somit auch als Beitrag zu der aktuellen Debatte über 'cultural mixing' in vorspanischen Zeithorizonten und zur Konstruktion und Dynamik von kulturellen bzw. ethnischen Identitäten in archäologischen Kulturen. Die formativzeitliche Bevölkerung in den Cochabamba-Tälern wurde bislang als nicht geschichtete bäuerliche Gesellschaft beschrieben, was vor allem mit dem Fehlen von monumentaler Architektur begründet wurde. Unter diesen Merkmalen wurden 'primitive' Gruppen aus dem Hochland und den Tälern von Cochabamba bis nach Chuquisaca kulturell zusammengefasst. Das Bild einfacher bäuerlicher Gesellschaften blieb bis in die späten 1990er Jahre bestehen. Die Präsenz von Prestigegütern in Form von Grabbeigaben (Pazifikmuscheln, Sodalithperlen, Fragmente von Wankarani-Keramik etc.) weist jedoch auf die Integration Cochabambas in weitreichende Fernhandelssysteme hin. Daher agierten die Bewohner der Täler keineswegs isoliert von denen anderer Regionen des südzentralen Andenraums. Dennoch stand nie die Untersuchung sozialer Hierarchien, des Handelssystems oder der möglichen Existenz einer multiethnischen Gesellschaft im wissenschaftlichen Fokus.


Forschungsziel

Geplant ist die Untersuchung von fünf verschiedenen formativzeitlichen Siedlungen mit Töpferwerkstätten, die verschiedene Keramikwaren produzierten. Das Forschungsprojekt zielt dabei auf Fragen wie die der Existenz eines lokalen – möglicherweise durch verschiedene ethnische Gruppen dominierten – komplementären wirtschaftlichen Systems, in dem sich die Siedlungen der Täler auf die Produktion und Verhandlung bestimmter Produkte und Rohmaterialien spezialisierten. Hier gilt es, die Natur und Funktion der verhandelten Güter und Objekte zu identifizieren und die lokale, regionale und überregionale wirtschaftliche Vernetzung der Siedlungen zu untersuchen. Zudem bietet das Projekt die Möglichkeit, die Arbeitsschritte des prähistorischen Töpferhandwerks zu beleuchten. Die Existenz von handwerklich orientierten Dörfern, die wirtschaftsstrategisch miteinander agierten, ist von großer Bedeutung, da es sich beim Cochabamba-Talsystem keineswegs um ein singuläres Phänomen, sondern um ein Fallbeispiel für den Großraum der südzentralen Anden handeln dürfte.

Insgesamt widmet sich das Projekt drei übergeordneten Themenbereichen, die mit Hilfe interdisziplinärer Methoden untersucht werden: 1) Siedlungsarchäologie und Chronologie, 2) Handwerk und komplementäre lokale Austauschstrategien, 3) Natur und Agenten des Fernhandelssystems.


Das Team

Projektleiterin des Vorhabens ist Prof. Dr. Karoline Noack. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin vor Ort fungiert Dr. Olga Gabelmann. Zudem unterstützt ein internationales Team von interdisziplinären Spezialisten aus den Bereichen Paläoklima, Archäozoologie, Archäobotanik, Malakologie, Keramiktechnologie, physische Anthropologie/Humanbiologie sowie Vermessungstechnik das Projekt.


Finanzierung

Das Vorhaben wird von der DFG finanziert und ist auf eine Dauer von insgesamt 30 Monaten angelegt. Es wird in jährlichen Feldforschungskampagnen von je 6 bis 8 Monaten über fünf Jahre (2015 – 2019) ausgeführt werden.
 

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