Sprachbeispiel

Das nachfolgend transkribierte und analysierte Sprachmaterial wurde von Christian W. R. Klingler und Catherine J. Letcher Lazo im Februar 2012 im Osten Yucatáns, Mexiko dokumentiert. Es handelt sich hierbei um eine Videoaufnahme, in der ein Muttersprachler des Yukatekischen Maya eine Geschichte erzählt, welche die Beziehung zwischen der armen Land- und reichen Stadtbevölkerung thematisiert (vgl. hierzu den inhaltlichen Kontext). Da es sich hierbei um die Dokumentation lokaler Alltagssprache handelt, ist das Material – neben seiner thematischen Ausrichtung – insbesondere auch aufgrund der daran ersichtlichen, umgangssprachlichen Prozesse für die Forschung von besonderem Interesse. Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Don Victor bedanken, der sich damit einverstanden erklärte, das Videointerview im Sprachenportal der Abteilungs-Webseite zu veröffentlichen: ¡jach dyoos bo‘otik teech!

 

Texttranskription in moderner Orthographie

Paachil tu nayl u p'éel xook tin wil u túul chan paal, u túul chan paal jach tu máan yaj u tuukul, ts'o'oke' jach máan yaj u yok'ol. Ka'a tin nats'inbae' ka'a tin wa'aj ti': ¿ba'ax yaan teech chan paal? taak in biskinba uts tawéetel, a'al teen jaajil a wóol. Ka‘a tu li‘is u yich, ts'o'oke' ka'a tu ya'aj teen: taak in wokol xook je'ebix u jee le mejen paalalo'obo', peeroj na'an u ba'alil in ts'ik in kwaaderno, na'an teen ju'un, leti' meetke' mun beyt in wokol xook tu'ux ku yokol paalal tu nayl xook.

Ka'a tin mach u k'ab, ka'a tin wa'alaj ti': yéetel le ba'ax ku yúuchul teech ku yúuchul xan teeni, ku k'a'ajal teen bix yaan tin paalil, ma' xooknajeni, óotsilen. Ka'a ka'a in wok'tik, taak in wok'ol yéet le chan paal, ka'a túulo'on tumen iigwal in tristesa, iigwal in sufriro'on, ba'ax úuchul teen paalen úuchul ti'. Ichil lelo' ma' in wojel ba'ax swerte, ba'ax ti' jach yajóotale', ka'a tin wa'aj ti', u túu chan paal, tin akonsejartik, tin waik ti', tin wak ti', tin tsolik ti', ka'a tin wa'aj ti'e': teeche' ta wóotik til a wokol eskwela, teeche' yaan u p'éel ooro ta k'ab, taak a kanik xook, peeroj na'an teech ju'un a ts'íib, mun beyt a wokol tu nayl xook.

En kaambyo u jew u paalal, u ijos ts'uul, leti'e', tumben u mochilas, lapiserose' tak de ooro ku ya'al u ma'anle', peeroj mun k'uchul eskwela tumen u papaje' yaan taak'in ti'. Ku k'e'eyel, ku ya'ala'al ti' men u papaj: ¡chan paal, ijo, péenen ta xook! Ku yaik tu papaj: ¡teene' ma' k'abéet teen xook! ku machk u kwaaderno, ku ja'ajatik, ku ya'alik, k'eyaj ku meetik tu papaj: ¡ma' taak in bin xooki! ¿tumen ba'axten? tumen tuláakal yaan ti'.

Entonses, le chan paal ku ya'ake', esten, komo leti' óotsil, óotsilen xan. Ich in tsikbatik ti' ba'ax ku yúuchul xan teene' ka'a kóola' kaampana, ka‘a jo‘osaj mejen paalal rekreo. Ku máan u yaalkabo', tu máan u baaxlo', tun che'ejo'. Peeroj teene' u túul chan paal je'ebix teen, óotsil, óotsilen xane', chéen paach u nayl xooke' chéen puro ok'ol ka k meetik.

 

Übersetzung

Hinter der Schule sah ich ein kleines Kind das sehr betrübt war. Zudem weinte es bitterlich. Als ich mich näherte sagte ich zu ihm: "Was hast du, kleines Kind? Ich möchte gut mit dir auskommen, schütte mir dein Herz aus." Dann hob er sein Gesicht und sagte zu mir: "Ich möchte studieren wie die anderen kleinen Kinder, aber ich habe nichts worin ich meine Hefte verstauen kann, ich habe kein Papier, aus diesem Grund kann ich nicht studieren gehen, dort wo die Kinder hingehen, in die Schule."

Dann ergriff ich seine Hand und sagte zu ihm: "Das was dir widerfährt, ist mir auch widerfahren. Ich erinnere mich daran, wie es in meiner Kindheit war, ich habe nicht studiert, ich war arm." Da fange ich wieder an zu weinen. Ich möchte mit dem kleinen Kind weinen. Wir sind zu zweit, weil unsere Trauer und unser Leiden gleich sind. Was mir passiert ist als ich ein Kind war, das passiert nun ihm. Und während ich nicht weiss, welches Schicksal er hat, warum er so traurig wird, so sage ich zu ihm, zu dem kleinen Kind, ich berate ihn, ich erkläre es ihm und sage: "Du hast dich dazu entschieden in die Schule zu gehen, du hast ein Stück Gold in deiner Hand, du möchtest Studieren lernen, aber du hast kein Papier, um zu schreiben, du kannst nicht in die Schule gehen."

Andererseits gibt es andere Kinder, die Söhne der Reichen, sie haben neue Rucksäcke, sogar besagte Kugelschreiber aus Gold werden für sie gekauft. Aber sie kommen nicht in die Schule, weil ihre Väter Geld haben. Er [der Sohn] wird geschimpft, sein Vater sagt zu ihm: "Kleines Kind, Sohn, geh studieren!" Aber er [der Sohn] sagt zu seinem Vater: "Ich brauche nicht zu studieren!" Er nimmt sein Heft, er zerreist es mehrfach, er sagt und beschimpft seinen Vater: "Ich will nicht studieren gehen!" Und warum [will er nicht studieren]? Weil er alles hat.

Also sagt das kleine Kind, ähm... da er arm ist und ich auch arm bin... während ich ihm erzähle, was auch mir passiert ist, da läutet die Glocke und holt die Kinder zur Pause heraus. Sie gehen rennen und spielen und lachen. Aber ich und das kleine Kind, das so ist wie ich – er ist arm und ich bin auch arm – wir stehen hinter der Schule und weinen einfach nur.

 

Transkription und Übersetzung: Christian W. R. Klingler und Catherine J. Letcher Lazo, 2013

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