Sprachstruktur

Ableitungs– und Wortbildungsprozesse

Das Yukatekische Maya ist eine agglutinierende Sprache. Sämtliche Wörter basieren auf Wortwurzeln, die die Struktur Konsonant–Vokal–Konsonant (KVK) aufweisen (Bsp.: kan– = etwas lernen). Bei diesen Wortwurzeln handelt es sich in den meisten Fällen um eine der drei Wortarten Verb (transitiv oder intransitiv), Adjektiv oder Nomen. Ausgehend von diesen Wortwurzeln können durch verschiedene Kompositions– und Derivationsprozesse neue Wörter gebildet bzw. zwischen den einzelnen Wortarten übergeleitet werden. So lässt sich aus dem Nomen aal ("Kind einer Mutter") beispielsweise das intransitive Verb aalankil ("gebären") ableiten.

Besondere Bedeutung bekommen diese Worbildungsprozesse im Zusammenhang mit den Verben, da das Yukatekische Maya strikt zwischen transitiven und intransitiven Verben unterscheidet, welche sich wiederum in wurzeltransitive bzw. wurzelintransitive sowie abgeleitete transitive und intransitive Verben unterteilen.

 

Transitive und intransitive Verben

Wohingegen transitive Verben obligatorisch Subjekt (Agens) und Objekt (Patiens) benötigen, können intransitive Verben nur ein Argument, das Subjekt, an sich binden. Zur Bildung des Satzes "ich schreibe" (intransitiv) sowie "ich schreibe es" (transitiv) müssen daher im Yukatekischen Maya zwei unterschiedliche Verbstämme verwendet werden, welche sich jeweils von der Wurzel ts'íib ("die Schrift") herleiten:

ts'íib–ø– ("schreiben", abgeleitet.intransitiv.antipassiv)

ts'íib–t– ("etwas schreiben", abgeleitet.transitiv.von.Nomen)

Neben der Ableitung intransitiver sowie transitiver Verben von Nomen (s.o.) existieren eine Reihe weiterer Derivationsregeln, welche die Bildung von transitiven und intransitiven Verben ermöglichen. So können wurzeltransitive Verben beispielsweise durch die Inkorporation des Objektes in intransitive Verben umgewandelt werden: kin chak'ik che' – "ich fälle Bäume" (wurzel.transitiv) wird zu kin chak'che' – "ich 'baumfälle'" (abgeleitet.intransitiv.antipassiv).

Diese intransitiven Verben können wiederum transitiviert werden: kin chak'che'tik in kool – "ich 'baumfälle' mein Kornfeld" (abgeleitet.transitiv). Diese zyklische Ableitung intransitiver von transitiven Verben und umgekehrt ist eines der wesentlichen Merkmale des Verbsystems im Yukatekischen Maya. Das folgende Schema fasst die strukturellen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Verbklassen (transitiv/intransitiv) zusammen.

Verbstruktur

 

Die Satzstellung folgt im Yukatekischen Maya dem Schema Verb–Objekt–Subjekt (VOS):

 ku jantik   tsajbil je'   Xmaria

   Verb       Objekt      Subjekt

 "Maria         isst       Rührei"

 Subjekt     Verb      Objekt

                                                          

Possession

Eine Besonderheit des Yukatekischen Maya sind die verschiedenen Possessionsklassen. So wird unter anderem zwischen Neutralen, Veräußerlichen und Unveräußerlichen Nomen unterschieden. Neutrale Nomen können sowohl innerhalb als auch außerhalb von Possessiv–Konstruktionen verwendet werden. Anders verhält es sich mit den Veräußerlichen und Unveräußerliche Nomen. So benötigen Veräußerliche Nomen in possessivem Gebrauch eine spezielle morphologische Markierung (das Suffix –il bzw. –el) und können in ihrer ursprünglichen Form lediglich in absolutem Gebrauch verwendet werden. Unveräußerlichen Nomen kommen hingegen in ihrer ursprünglichen Form nur in Possessiv–Konstruktionen vor und benötigen in absolutem Gebrauch eine spezielle morphologische Markierung (das Suffix –tsil).

 

Neutral

in lóol = meine Blume
le lóolo' = die Blume (dort)


Unveräußerlich

in suku'un = mein älterer Bruder
le suku'untsilo' = der ältere Bruder (dort)


Veräußerlich

le bejo' = der Weg (dort)
in bejil = mein Weg


Darüber hinaus existieren einige Nomen der Unveräußerlichen sowie Veräußerlichen Klasse, welche sich nicht durch morphologische Markierung überleiten lassen und damit entweder obligatorisch besessen oder schlicht unbesitzbar sind. Beispiele:

Obligatorisch besessen

a wich = dein Auge
Nicht möglich: le icho' = das Auge


Unbesitzbar

le sujuyo' = die Jungfrau
Nicht möglich: in sujuy = meine Jungfrau

 

Nummeralklassifikatoren

Eine weitere Besonderheit des Yukatekischen Maya sind die zahlreichen Nummeralklassifikatoren. So wird zum Zählen von Objekten stets ein entsprechender Klassifikator benötigt, welcher das Objekt näher bezeichnet. Die im Alltag am gebräuchlichsten Klassifikatoren sind dabei jene für belebte (–túul) und unbelebte (–p'éel) Objekte:


jun p'éel ja‘as = eine Banane (unbelebt)
ka'a túul wakax = zwei Kühe (belebt)


Weitere, des öfteren gebrauchte Klassifikatoren sind –ts'íit (für lange, schmale Dinge), –xeet' (für Stücke, Teile, Scheiben), –múuch' (für Anhäufungen, Cluster) und –téen (Male, die etwas getan wird). Helga-Maria Miram (1983) hat in ihrer Feldstudie in einer mayasprachigen Gemeinde über 225 solcher Nummeralklassifikatoren dokumentieren können.

 

Handlungsaspekte

Wie alle anderen Mayasprachen, so unterscheidet auch das Yukatekische Maya keine absoluten Zeiten, mit Hilfe derer sich Vor– und Nachzeitigkeiten ausdrücken lassen, sondern drei verschiedene Handlungsaspekte, welche den Fokus auf die Charakteristika der Handlung legen: den Inkompletiv, den Kompletiv, sowie den Subjunktiv. Wohingegen der Kompletiv sämtliche abgeschlossenen Handlungen umfasst bezieht sich der Inkompletiv auf Handlungen und Ereignisse, welche in der nahen Vergangenheit, der Gegenwart oder der nahen Zukunft liegen. Der Subjunktiv umfasst hingegen Handlungen und Ereignisse, welche in der entfernten Vergangenheit sowie der fernen Zukunft liegen und findet ebenso in abhängigen Satzkonstruktionen Verwendung. Hinter letztgenannter Aspekt steht die Vorstellung, dass sich entfernte Vergangenheit und ferne Zukunft an einem bestimmten Punkt in der Zeit berühren. Den Zusammenhang der drei Aspekte verdeutlicht das folgende Schaubild.

Aspekte

 

 

Beispiele:

INKOMPLETIV

táan in jantik – ich esse es gerade
yaan in jantik – ich werde es essen (weil ich muss)
jo'op in jantik – ich habe begonnen es zu essen
ts'o'ok in jantik – ich habe es schon gegessen
suuk in jantik – ich bin gewohnt es zu essen
(...)


KOMPLETIV

tin jantaj – ich aß es


SUBJUNKTIV

úuch in jantej – ich habe es einst gegessen
bin in jantej – ich werde es irgendwann essen

 

 

 

Teilergativität

Als Ergativsprachen werden jene Sprachen bezeichnet, bei welchen das Subjekt intransitiver Verben sowie der Patiens transitiver Verben mit dem selben Pronomen (dem Absolutivpronomen) markiert werden. Der Agens transitiver Verben wird in diesen Sprachen hingegen mit einem separaten Pronomen, dem Ergativpronomen markiert. In Akkusativsprachen – wie beispielsweise dem Deutschen – gestaltet sich die Markierung genau umgekehrt, hier werden das Subjekt intransitiver Verben sowie der Agens transitiver Verben mit dem selben Pronomen (dem Nominativpronomen) markiert. Der Patiens transitiver Verben wird hingegen mit einem gesonderten Pronomen, dem Akkusativpronomen, markiert. Das Yukatekische Maya ist eine Teilergative Sprache, wobei besagte Teilung aspektbedingt ist. Das bedeutet, dass das Yukatekische Maya im Inkompletiv–Aspekt dem Nominativ/ Akkusativ Schema folgt, wohingegen der Kompletiv– sowie der Subjunktiv–Aspekt dem Ergativ/Absolutiv Schema folgen. Die folgenden Schaubilder zeigen die Markierung von Subjekt, Agens und Patiens an intransitiven und transitiven Verben beispielhaft für alle drei Aspekte und verdeutlichen damit die Teilergativität des Yukatekischen Maya.

 

Teilergativität_INC

 

Teilergativität_COM

 

Teilergativität_SUB

 

 

Stativ

Der Stativ drückt einen Zustand aus, der aus einem vorangegangenen Ereignis resultiert. Im Deutschen werden solche Sätze mit dem Hilfsverb "sein" gebildet, z.B.: ich bin ein Mensch, oder ich bin reich. Da im Yukatekischen Maya kein Hilfsverb existiert, welches Seins–Zustände beschreibt, werden stative Konstruktionen mithilfe der Absolutivpronomen gebildet, welche direkt an das entsprechende Nomen oder Adjektiv angehängt werden:


wíiniken = ich bin ein Mensch
ayik'alen = ich bin reich


Da die 3. Person Singular der Absolutivpronomen durch ein Nullmorphem repräsentiert wird bedeutet dies, dass ein einzelnes Nomen bzw. ein einzelnes Adjektiv bereits einen kompletten Satz darstellt:


wíinik-ø = er, sie, es ist ein Mensch
ayik'al-ø = er, sie, es ist reich

 

Text: Christian W. R. Klingler & Catherine J. Letcher Lazo, 2013

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