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Sprachstruktur

Mit seiner verhältnismäßig regelhaften Struktur ist das K'iche' gut geeignet, Studierenden einen Einblick in den Grundaufbau und die interne Funktionsweise von Mayasprachen zu geben. Mayasprachen haben eine komplexe Verbstruktur. Im K'iche' sind Subjekt und Objekt, Zeitaspekt und Verbmodus im Verb markiert. Intransitive und transitive Verben unterscheiden sich in der Verwendung unterschiedlicher Pronominalpräfixe sowie Modalsuffixe.

Das K'iche' ist wie die meisten Mayasprachen eine reine Ergativsprache. In Akkusativsprachen wird das Subjekt intransitiver und transitiver Verben durch das gleiche Pronomen angezeigt, während das Objekt separat markiert ist. In Ergativsprachen sind es hingegen das Subjekt des intransitiven und das Objekt des transitiven Verbes, die gleich sind, während das Subjekt des transitiven Verbes durch eine besondere Form angezeigt wird. Die Organisation der Argumente des verbalen Prädikats im K'iche' verdeutlicht das folgende Schema:

 

Ergativität

 

Als Ergativsprache unterscheidet K'iche' zwischen Aktiv, Passiv und Antipassiv als Aktionsformen des Verbes. 

Aktiv                           

katwilo                               "ich sehe dich"

Passiv

katil wumal "du wirst von mir gesehen"

Antipassiv                   

kinilow awech "ich bin derjenige, der dich sieht"

  

K'iche' unterscheidet wie andere Mayasprachen keine absoluten Zeiten (Tempora), sondern Handlungsaspekte.

 

Inkompletiv                   

kinwarik                             "ich schlafe" (Handlung unvollendet)

Kompletiv                    

xinwarik "ich schlief" (Handlung vollendet)

Potential

xchinwarik "ich werde schlafen" (Handlung noch nicht begonnen)

 

Das K'iche' weist eine Vielzahl produktiver Wortbildungsprozesse in Form von Derivation und Komposition auf. Aus dem transitiven Verb b'ano "machen, konstruieren" lassen sich u.a. folgende Formen ableiten:

 

Partizip/Adjektiv             

b'an-om 

"gemacht"                                                         
Adjektivierung

b'an-a'n                            

"machbar"
Agentiv

b'an-ol

"derjenige, der etwas macht"
Substantivierung

b'an-o'n

"das Gemachte"
Verbalsubstantiv

b'an-iik

"das Gemachtwerden"

Instrumental/Lokativ     

b'an-ib'al

"Instrument/Ort, mit/an dem etw. gemacht wird"

 

Es gibt im K'iche' eine Vielzahl an Positionalwurzeln, die die Position bzw. den Zustand eines Objekts/einer Handlung anzeigen und aus denen mittels Derivationsprozessen Adjektive, Nominale und Verben abgeleitet werden können.

Typisch für Mayasprachen sind die nominalen Kategorien, die obligatorisch mit einem Possessiv markiert sind. Hierzu gehören Verwandtschaftsbegriffe, Körperteilbezeichnungen, Abstraktive und Relationale Substantive. Ferner gibt es komplexe Präpositionen, die aus Körperteilbezeichnungen gebildet werden. Darüber hinaus gibt es im K'iche' eine eigene Wortklasse von Direktionalen, die die Handlungsrichtung anzeigen.

Adjektive, Numerale und andere Modifikatoren stehen im K'iche' immer vor dem Substantiv. Die eigentliche Grundwortstellung ist VOS. Aus diskurspragmatischen Gründen finden sich jedoch häufiger die Wortstellungen VSO und SVO, wobei letztere möglicherweise einen Einfluss aus dem Spanischen darstellt.

 

Text: Frauke Sachse, 2011

 

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