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Koloniales K'iche'

Zur Zeit der spanischen Eroberung war das k'iche'-sprachige Königreich von Utatlán die zentrale politische Macht im Hochland und das K'iche' damit die dominante Sprache der Region. Der Landesname Guatemala leitet sich aus dem Nahuatl ab, das in der frühen Kolonialzeit als lingua franca diente. Die Form cuauhtemallan bedeutet 'Land vieler Bäume' und ist eine direkte Übersetzung des Begriffs k'iche', welcher sich aus dem Adjektiv k'i 'viel' und dem Substantiv che' 'Baum' zusammensetzt und die Bewohner der bewaldeten Hochlandgebiete bezeichnete.

Im Kontext der Eroberung und folgenden christlichen Mission entstand bereits in der frühen Kolonialzeit eine große Zahl k'iche'-sprachiger Textdokumente. Diese umfassen einerseits missionarslinguistische Quellen wie Wörterbücher, Grammatiken und christliche Lehrtexte und andererseits indigene Schriftstücke, die von K'iche'-Autoren verfasst wurden. Die indigene Oberschicht war durch die Missionierung weitgehend literat und setzte ihre Schriftkenntnisse gezielt ein, um gegenüber der Kolonialverwaltung Land- und Rechtsansprüche durchzusetzen. So entstanden Dokumente autochthoner Geschichtsschreibung (títulos) und Verwaltungsdokumente wie Urkunden, Testamente und Cofradía-Ordnungen.

DokumentDer bedeutendste dieser Texte ist das Popol Vuh, das wohl als das bekannteste mayasprachige Dokument überhaupt gelten darf. Der Text wurde Mitte des 16. Jahrhunderts erstmals aufgezeichnet und liegt uns in einer Abschrift vor, die Anfang des 18. Jahrhunderts von dem Dominikanerpater Francisco Ximénez angefertigt worden ist. Ximénez administrierte damals in Chichicastenango, wo er Einsicht in das wertvolle Dokument erhielt, welches von der Schöpfungsmythologie und vom Ursprung der K'iche' berichtet und heute als zentrale Quelle zum Verständnis vorspanischer Religion und Geschichtsvorstellungen gilt.

Weitere koloniale K'iche'-Textgenres umfassen u.a. Wahrsagekalender und Tanzdramen. Unter den Tanzdramen ist das sogenannte Rabinal Achi (Krieger von Rab'inal) das bekannteste. In dem Stück wird der Konflikt zwischen den K'iche' von Q'umarkaj (Utatlán) und den Achi von Rab'inal in der heutigen Baja Verapáz historisch verarbeitet.

Das koloniale K'iche' ist heutigen K'iche'-Sprechern nicht ohne Weiteres verständlich. Im Verlauf von fünfhundert Jahren haben in der Sprache –durchaus bedingt durch den Einfluss des Spanischen- Wandelprozesse im Bereich der Grammatik und auf der Ebene der Wortbedeutung stattgefunden. Zur Erschließung von kolonialen K'iche'-Texten muss daher unter anderem auf kolonialzeitliche Wörterbücher zurückgegriffen werden.

 

Foto: Erste Seite des Popol Vuh (Quelle: Ohio State University Libraries, http://library.osu.edu/projects/popolwuj/)

Text: Frauke Sachse, 2011

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