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Mayaschriftforschung

Mayaschriftforschung an der Universität Bonn

Forschungsgegenstand des von Prof. Dr. Nikolai Grube geleiteten Projekts “Textdatenbank und Wörterbuch des Klassischen Maya” (TWKM) ist die Hieroglyphenschrift der vorspanischen Mayakultur, die in der Zeit zwischen circa 300 v. Chr. und 1500 n. Chr. auf dem Gebiet der heutigen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras verwendet wurde. Ziel des in den digitalen Geisteswissenschaften verorteten und in Kooperation mit der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen realisierten Vorhabens ist die Erschließung der bislang rund 10.000 bekannten Hieroglyphentexte und ihrer Schriftträger in einem maschinenlesbaren Korpus und die Erstellung eines darauf basierten Wörterbuchs. Das Projekt wird von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste in Düsseldorf und der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften seit 2014 gefördert und hat eine Laufzeit bis 2028.

Informationen über das Projekt sowie Zugang zu verschiedenen Datenbanken finden Sie unter www.mayawoerterbuch.de

Übersicht zur Mayaschrift

Die Maya sind eine der fünf Kulturen weltweit, die unabhängig voneinander ein Schriftsystem entwickelten. Im Vergleich zu den übrigen Schrift- und Aufzeichnungssystemen in Mesoamerika ist die Hieroglyphenschrift der Mayakultur das einzige lesbare Schriftsystem, das über einen Zeitraum von rund 2000 Jahren verwendet wurde. Die frühesten Textzeugen stammen aus dem guatemaltekischen Tiefland und entstanden im 3. Jahrhundert v. Chr. Die ersten Texte mit Kalenderdaten in der Notation der Langen Zählung (long count) datieren zwischen 36 v. Chr. bis 126 n. Chr. und finden sich im Hochland und an der Pazifikküstenregion Guatemalas. Der Schriftgebrauch in diesen Regionen brach am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. allerdings ab. Die erste, sicher datierbare Hieroglypheninschrift in der Folgezeit stammt aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. und kommt erneut aus dem Tiefland. Aus heutiger Forschungssicht liefert sie einen weiteren Beleg für die lange und intensive Maya-Schrifttradition, die in der Klassischen Periode (100 – 810 n. Chr.) ihren Höhepunkt erreichte. Sie dauerte bis zur Ankunft der spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert an und wurde bis in das späte 17. Jahrhundert im Untergrund fortgeführt.

Der Durchbruch in der Entzifferung der Mayaschrift fand erst in den 1950er Jahren statt und viele Fragestellungen sind in der Forschung noch ungeklärt. An dieser Stelle setzt das Projekt “Textdatenbank und Wörterbuch des Klassischen Maya” an.

Wir geben hier einen allgemeinen Überblick zum Aufbau und zur Funktionsweise des Schriftsystems. Im Einklang mit der Zielsetzung des Projekts umreißen wir an dieser Stelle auch aktuelle Forschungsfragen, Desiderata und konkrete Problemfelder, deren Schließung das Anliegen des Projekts ist.

Schriftträger

Als Schrift- und Bildträger diente eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien, doch in dem tropisch-feuchten Klima blieben vorwiegend Inschriftenträger aus Stein erhalten, die freistehend (Stelen oder Altäre), architekturgebunden (Türsturze, Wandtafeln oder Treppen) oder auf Oberflächen in der natürlichen Umwelt angebracht waren (Höhlen).

Daneben existiert eine große Zahl gemalter Inschriften auf Keramikgefäßen, die vorwiegend im Kontext von Grabanlagen entdeckt wurden. Zahlreiche Texte wurden auch auf Artefakten aus Jade, Tier- und Menschenknochen, Muschel- und Schneckengehäusen eingraviert. Dabei handelt es sich um persönliche Gegenstände der Mitglieder des Adels, die vorwiegend aus Gräbern und vereinzelt auch aus Hortfunden stammen.

Wandmalereien mit Szenen des höfischen Alltags und hieroglyphischen Beischriften in Palast- und Tempelräumen sowie in Höhlen bilden eine weitere Quellengattung. Sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum angebracht, geben sie Einblick in die Sozialstruktur am königlichen Hof und in das Alltagsleben des Adels.

Zuletzt sind noch die Kodizes, leporelloartige Faltbücher aus Rindenbastpapier, zu erwähnen, von denen jedoch nur drei Exemplare erhalten sind und heute in verschiedenen Museen in Europa aufbewahrt werden. Diese Kodizes datieren in das Ende der Postklassik.

Textumfang

Angeordnet wurden die Zeichen im Text nicht linear, sondern in räumlich abgetrennten, quadratisch oder rechteckigen Einheiten (so genannte „Blocks“), die in den meisten Fällen auch einem Wort entsprechen. Eine statistische Untersuchung zur durchschnittlichen Anzahl der Hieroglyphenblocks und deren Verteilung in einem Text liegt nicht vor und kann erst nach deren Erfassung in einer Textdatenbank vorgenommen werden. Stelen, die auf der Vorderseite meist figürliche Darstellungen, oft begleitet von kurzen Texten, tragen, weisen auf der Rückseite häufig weitere Hieroglyphentexte auf, die je nach Region zwischen 10 und 120 Blocks enthalten können.

Genaue Zahlen liegen beispielsweise aus Pusilha vor, einer Fundstätte im Süden von Belize. Auf den zehn erhaltenen Stelen befinden sich insgesamt 553 Hieroglyphenblocks und zusammen mit den übrigen zehn Textträgern dieses Ortes zählt man 581 Hieroglyphenblocks. Eine Studie der Monumentalskulpturen von Dos Pilas, Guatemala, ergibt, dass sich auf den 14 Stelen 572 Hieroglyphenblocks befinden, was einen Durchschnitt von 41 Blocks pro Monument ergibt. In Pusilha hingegen wurden durchschnittlich 55 Blocks pro Stele gezählt.

Weitaus längere Texte mit bis zu 500 Hieroglyphenblocks befinden sich auf so genannten Hieroglyphentreppen, wie sie etwa in Sabana Piletas, Dos Pilas, Yaxchilan oder Copan entdeckt wurden, wobei die Hieroglyphentreppe von Copan mit rund 2500 Blocks den längsten Monumentaltext des Mayagebiets aufweist. Die längsten Texte der Mayakultur befinden sich in den drei Kodizes mit insgesamt 5770 erhaltenen Hieroglyphenblocks.

Weitaus kürzer, aber zahlenmäßig häufiger, sind Texte auf Kleinobjekten, die zwischen einem und bis zu 20 Blocks aufweisen können. Die Textgestaltung auf den knapp 2000 dokumentierten beschrifteten Keramikgefäßen ist keineswegs einheitlich. Neben Gefäßen, die nur einen einzigen Schriftblock enthalten können, sind Texte mit beinahe 100 Hieroglyphenblocks dokumentiert. Die geschätzte durchschnittliche Zahl an Blocks beläuft sich auf etwa 20.

Ein Hieroglyphenblock entspricht in der Mehrzahl der Fälle einem Wort und besteht aus 3 bis 4 Zeichen, so dass sich auf einer Stele mit zwischen 40 und 50 Blocks etwa 200 bis 300 Schriftzeichen befinden. Rechnet man mit diesen großzügig gerundeten Zahlen, so ergeben sich für die etwa 8.000 dokumentierten Mayahieroglyphen-Texte rund 400.000 Hieroglyphenblocks. Eric Thompson listete in seiner Konkordanz der Mayahieroglyphen rund 25.000 Hieroglyphenblocks auf, wobei seine Zusammenstellung selektiv ist, viele Klassifikationen falsch und kalendarische und astronomischen Textstellen, sowie die Texte auf Vasen nicht berücksichtigt wurden.

Eine exakte statistische Untersuchung liegt über die Hieroglyphen der Kodizes vor: In den insgesamt 5770 erhaltenen Hieroglyphenblocks zählt man 14150 Zeichen, was einer durchschnittlichen Zahl von 3 Zeichen je Block entspricht (Zimmermann 1956). Basierend auf dieser Zahl ist für das gesamte Textkorpus der vorspanischen Mayakultur mit einer Gesamtzahl von etwa 2,4 Millionen Schriftzeichen zu rechnen.

Textbestand

Das Fehlen eines Verzeichnisses aller bekannten Texte sowie das sich stetig durch archäologische Ausgrabungen erweiternde Korpus machen eine exakte Abwägung der Anzahl unmöglich. Sylvanus Morleys Liste von 1948 kann als Ausgangspunkt zur Erstellung eines Inventars herangezogen werden: sie führt 115 Fundorte mit 1313 Textträgern auf, die größtenteils durch Kalenderbeischriften datierbar sind. Morleys Liste war aber seinerzeit bereits lückenhaft, da der Autor überwiegend Monumentalinschriften mit Kalenderinformationen berücksichtigte. Die damals im Rahmen von archäologischen Projekten geborgenen Keramikgefäße und Kleinfunde mit Inschriften blieben unberücksichtigt, da die Texte nach dem damaligen Verständnis der Mayaschrift keine sprachlichen Informationen enthielten.

Heute sind bislang 491 archäologische Stätten der Mayakultur mit einem geschätzten Gesamtkorpus von annähernd 5000 Textträgern bekannt. Hinzu kommen noch knapp 500 Inschriftenträger aus Stein, mehrere hundert Kleinobjekte sowie einige tausend beschriftete Keramikgefäße unbekannter Provenienz. Die provisorische Zusammenstellung aller Textträger zeigt, dass aus dem mexikanischen Bundesstaat Yucatán knapp 500, aus Campeche rund 800, aus Quintana Roo etwa 100, aus Tabasco etwa 200 und mit etwa 1200 Texten aus dem Bundesstaat Chiapas in Mexiko insgesamt 2800 Texte bekannter Herkunft vorliegen. Aus dem zentralen Tiefland des Mayagebietes, dem heutigen guatemaltekischen Departamento Petén, liegen zirka 1300 Texte, aus dem Hochland Guatemalas rund 100 und aus Belize gut 200 Schriftträger aus gesichertem archäologischen Kontext vor. Aus Honduras und El Salvador sind bis heute rund 600 Hieroglyphentexte bekannt, die vornehmlich aus Copan stammen. Zu diesem Textkorpus kommen noch rund 500 Monumentaltexte, 2000 beschriftete Keramikgefäße und etwa 300 Texte auf Kleinobjekten unbekannter Herkunft hinzu. Schließlich kommen die insgesamt 271 Seiten der drei erhaltenen Mayahandschriften hinzu, so dass, sehr vorsichtig geschätzt, das Gesamtkorpus bisher bekannter Texte etwa 8000 Objekte umfasst.

Schwieriger einzuschätzen ist die Zahl von Texten, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entdeckt werden, da zahlreiche Mayastädte weiterhin unentdeckt im Urwald verborgen liegen, bisher bekannte Stätten entweder gar nicht oder nur teilweise archäologisch untersucht wurden und in gut erschlossenen Stätten bei neuen Ausgrabungen ebenfalls neues Quellenmaterial zu erwarten ist. Auszuschließen ist auf jeden Fall eine solch hohe Anzahl von Texten, wie sie bislang aus dem pharaonischen Ägypten oder dem keilschriftzeitlichen Mesopotamien bekannt geworden ist. Bei archäologischen Ausgrabungen in neu entdeckten als auch bereits bekannten Fundorten des Mayatieflandes kamen zwischen 1980 und 2000 rund 900 neue Inschriften zutage. Während der Projektphase ist ebenfalls mit zirka 900 neuen Textfunden zu rechnen.

Textinhalte

Die Hieroglypheninschriften enthalten Informationen, die aus der Sicht des herrschenden Adels als aufzeichnungswürdig betrachtet wurden. Inhalte und Themen der Texte waren häufig davon abhängig, ob die Schrift- und Bildträger als öffentliche Memoria konzipiert oder eher für einen privaten Rahmen produziert wurden. Öffentliche Text- und Bildträger waren in der Regel Verlautbarungen des Königshofes mit dem Ziel, die Macht des Gottkönigs und seiner Lineage zu legitimieren. Im Zentrum dieser Texte steht daher der König als der Vollzieher der religiösen Pflichten und als Hüter der kosmischen Ordnung.

Eine große Rolle spielen Weiheinschriften, welche Berichte über die Fertigstellung und Rituale zur Einweihung von Monumenten und von Wohn-, Tempel- und Begräbnisbauten enthalten. Kulturell bedeutsame Artefakte und Schriftträger sind häufig mit langen autoreferenziellen Texten etikettiert, welche die „Biographien“ der jeweiligen Artefakte beschreiben sowie ihre Verwendung im Ritual. Biographische Angaben über den königlichen Auftraggeber bilden einen Prolog zu jenen Textteilen, die sich auf die Errichtung und Einweihung des Textträgers beziehen. Es sind vor allem diese historisch-biographischen Textbestandteile mit Berichten über Dynastiegründungen, Geburten, Thronbesteigungen, militärische Siege, Weihungen, Rituale und dynastische Beziehungen, die in den vergangenen Jahrzehnten zum Verständnis der Kultur und Politik der Königshöfe der
klassischen Zeit beigetragen haben.

Zu den im privaten Raum genutzten Textträgern gehören portable Artefakte, die Bestandteil der Kleidung und Ausstattung von Mitgliedern des Adels waren, aber auch polychrom bemalte und beschriftete Keramikgefäße. Trinkgefäße für Kakao aus Keramik wurden als eine Art sozialer Währung nicht nur bei Festgelagen verwendet, sondern auch als Gastgeschenke zwischen Herrscherhäusern ausgetauscht oder als Tribut übergeben. Sie tragen hieroglyphische Weiheformeln und narrative Texte, welche die dargestellten Mythen oder Szenen aus dem höfischen Alltag der Könige kommentieren. Die inhaltlich umfangreichsten Inschriftenkorpora bilden die Texte der drei erhaltenen Maya-Handschriften, die in das Jahrhundert vor der spanischen Eroberung datieren. Diese Bücher enthalten vorwiegend Almanache, divinatorische und mantische Texte, sowie Beschreibungen von Ritualen im Jahreslauf. Darüber hinaus gibt es astronomische Tafeln für den Venuszyklus, die Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen und vielleicht auch einen Marskalender. Die einzelnen Abschnitte enthalten Darstellungen übernatürlicher Akteure mit jeweils hieroglyphischen Beitexten

Schriftsystem und Aufbau

Aufgrund des ikonischen Charakters der etwa 650 Zeichen wird das Schriftsystem der Maya als Hieroglyphenschrift bezeichnet. Typologisch handelt es sich jedoch um ein logo-syllabisches Schriftsystem, in dem es zwei Zeichenklassen gibt, Silbenzeichen und Logogramme.

Logogramme stehen für konkrete sprachliche Begriffe und verweisen mit wenigen Ausnahmen immer nur auf ein Denotat. Der zunehmende Einfluss von Vernakularsprachen hat die Polyvalenz von Zeichen in der Endklassik begünstigt (Lacadena und Wichmann 2002). Die zweite Zeichenklasse sind Vokal- und Silbenzeichen, die offene Silben repräsentieren. Sie dienten zur silbischen Schreibung lexikalischer und grammatischer Morpheme. Darüber hinaus fanden sie als vorangestellte oder angehängte phonetische Komplemente von Logogrammen Verwendung.

Dadurch war es möglich, Wörter ausschließlich mit Silbenzeichen oder nur mit Logogrammen zu schreiben. In der Regel wurden Logogramme und Silbenzeichen miteinander kombiniert. Eine ausgeprägte kalligraphische Komplexität der Texte wurde vor allem durch allographe Notation und mittels allomorpher Repräsentation von Zeichen erreicht. Dies erlaubte den Schreibern, Texte ästhetisch anspruchsvoll und ohne die Wiederholung von Zeichen zu verfassen. Für häufig verwendete Silben gab es mindestens zwei oder mehr Zeichen; dies erklärt den recht hohen Anteil von Silbenzeichen (ungefähr 200) an den etwa 650 Graphemen der Mayaschrift.

Schriftzeichen wurden so miteinander kombiniert, dass sie nahezu rechteckige Blöcke bildeten, wobei ein solcher Hieroglyphenblock wahrscheinlich der emischen Idee eines Wortes entspricht. Meistens werden diese Blöcke paarig in Doppelkolumnen von links nach rechts und von oben nach unten gelesen. Aus der Kombination der auf unterschiedliche Satzteile verweisenden Hieroglyphenblöcke miteinander entstanden Sätze. Mehrere Sätze wurden zu komplexen Texten zusammengefügt, deren Syntax und Textstruktur jener modernen Maya-Sprachen ähneln.

Zeicheninventare

Von elf Vorschlägen für die Inventarisierung und Systematisierung der Zeichen der Mayaschrift haben sich nur die Transkriptionskonventionen und Zeichennomenklaturen von Günter Zimmermann für die Handschriften und Eric Thompson für alle Quellengattungen durchsetzen können. Thompson stellte ein Inventar von 862 Zeichen zusammen, das trotz fehlerhafter Klassifikationen, Doppelverzeichnungen und Unvollständigkeit des Textbestands bis heute das Standardreferenzsystem für Mayahieroglyphen darstellt.

Nikolai Grubes Untersuchungen zu diesem Zeicheninventar ergaben, dass von Thompsons 862 klassifizierten Graphemen rund 200 allographe Schreibungen sind, so dass sich das Gesamtinventar der Mayaschrift von 862 auf etwa 650 Zeichen reduzieren lässt. Auf die gleiche Anzahl kam Martha Macri, die vor gut zehn Jahren ein alternatives Klassifikationssystem vorschlug, das sich in der Maya-Forschung aufgrund von Unvollständigkeit, Falschklassifikationen und Fehldeutungen allerdings nicht etabliert hat.

Während die bisher publizierten Zeichenkataloge überwiegend einfache Vorkommensnachweise und Konkordanzen der Grapheme enthalten, sind im Zuge der sprachlichen Entzifferung Nachschlagewerke mit Lesungsvorschlägen der einzelnen Grapheme publiziert worden, die den jeweils bis zur Drucklegung aktuellen Entzifferungsstand mit bibliographischen Referenzen dokumentieren.

Sprachaffiliation

Wie viele antike Schriftsysteme repräsentiert die Mayaschrift eine in vielen Aspekten konservative Hochsprache, die vermutlich aus dem Proto-Cholan-Tzeltalan entstanden ist. Lexikon und Morphologie des Klassischen Maya, wie diese Hochsprache genannt wird, deuten an, dass es ein Vorläufer des heute noch gesprochenen Ch’orti‘ ist. Die Inschriften des westlichen Maya-Tieflands weisen zahlreiche Merkmale der modernen westlichen Cholsprachen Chol und Chontal auf.

Im Norden der Halbinsel Yukatan lässt sich ein starker Einfluss des proto-Yukatekischen auf Lexikon, Phonologie und Grammatik erkennen. Ob in den südlichen Randgebieten des Tieflands weitere Sprachen einen Einfluss auf die Schriftsprache hatten wird noch kontrovers diskutiert. Das klassische Maya zeichnet sich durch eine große Konservativität aus, aber auch durch Innovationen, die Sprachwandel und Sprachkontakt – vermutlich mit Verspätung – reflektieren. Insofern liefern Maya-Texte Daten, die zu einer Kritik und Kalibrierung von glottochronologischen Datierungen von Sprachwandel beitragen können.

Die Erforschung der Phonologie, Morphologie und Syntax des Klassischen Maya ist Gegenstand einzelner punktueller Studien. Weder der Ursprung des Klassischen Maya noch der Wandel der Schriftsprache sind bislang systematisch erforscht worden.

Lexikographie

Bis auf einige Wortlisten ist der Sprachschatz des Klassischen Maya noch nicht dokumentiert. Die bislang veröffentlichten Wörterbücher sind punktuelle Kompilationen ausgewählter hieroglyphischer Ausdrücke, die makrostrukturell nach Sachgruppen angeordnet immer nur den Entzifferungsstand einer Hieroglyphe bis zur Drucklegung abbilden, und daher weitgehend überholt sind. Schwerpunkt der lexikographischen Forschungen des 19. und 20. Jahrhunderts bildeten die Hieroglyphentexte der postklassischen Kodizes. Mit insgesamt 7550 Hieroglyphen bildeten diese Handschriften die wichtigste Arbeitsgrundlage der beginnenden Mayaschriftforschung. Die frühesten lexikographischen Listen und Zusammenstellungen einzelner Grapheme mit sprachlichen Lesungsversuchen basieren auf den Mayahandschriften. Diese sind heute weitgehend falsifiziert und nur noch forschungsgeschichtlich relevant.

Im Zuge der sprachlichen Entzifferung der Mayaschrift in den vergangenen zwanzig Jahren und dank neuer Erkenntnisse zur Morphologie und Grammatik des Klassischen Maya konnten die Hieroglyphentexte nun mehrheitlich gelesen und inhaltlich zu einem großen Teil erschlossen werden. In die letzten beiden Jahrzehnte fällt daher auch die Veröffentlichung verschiedener unterschiedlich umfangreicher Wörterverzeichnisse zum Klassischen Maya in striktalphabetischer Sortierung der Lemmata. Die erste kommentierte Liste dieser Art aus dem Jahr 1999 von Alfonso Lacadena beschränkt sich nur auf lexikalische Morpheme und ist unveröffentlicht. Diese Wortliste zeichnet sich durch die gleichen Einschränkungen aus wie alle anderen seitdem zusammengestellten Listen: sie verzichten auf Vorkommensnachweise, sie enthalten weder Begründungen für die Übersetzungen noch linguistische Analysen der Formen.

Den Wortlisten ist darüber hinaus gemeinsam, dass sie weder räumliche Verbreitungen (Varietäten) noch zeitliche Entwicklungen von Schreibungen dokumentieren. Sie eignen sich daher nicht, um lokale Varietäten, Entwicklungen des Lexikons, der Grammatik und der Schrift nachzuzeichnen. Ebenso wenig können die Kontexte des Gebrauchs von Zeichen oder der Lemmata aufgerufen werden

Grundlagen

Die phonetische Entzifferung der Mayaschrift gelang erst in den 1950er Jahren, während dieser Ansatz erst in den 1980er Jahren eine breite Akzeptanz fand und das etablierte Paradigma wurde. Der Schlüssel zum Verständnis der Mayaschrift wurde aber bereits im 16. Jahrhundert gelegt, als der franziskanische Bischof von Yucatan, Diego de Landa, eine Rechtfertigungsschrift verfasste, die Relación de las cosas de Yucatán, als gegen ihn ein Prozess wegen Übergriffe auf die Mayabevölkerung angestrengt wurde.

Diese 1566 verfasste Ethnographie verschwand nach Ende des Prozesses in den Archiven der spanischen Kolonialverwaltung, eine gekürzte Abschrift des Originals wurde dort erst 1862 durch den französischen Theologen Charles Étienne Brasseur de Bourbourg wiederentdeckt. In mehreren Kapiteln behandelt Landa den Kalendar und auch das Schriftsystem, unterstützt durch seine Informanten Gaspar Antonio Chi und Juan Nachi Cocom, Abkömmlinge yukatekischer Herrscherhäuser. Zum ersten Mal waren damit die Zeichen des Kalenders mit ihren (yukatekischen) Lautwerten offenbart, und Brasseur konnte das System der Punkt-Strich-Schreibweise der Zahlen erarbeiten, welches 30 Jahre zuvor bereits von Constantine Samuel Rafinesque-Schmaltz erkannt wurde.

Landa Alphabet after Brasseur 1869

Landas „Alphabet“ der Mayaschrift in einer Umzeichnung von Brasseur de Bourbourg (1869)

Nebst einigen Beispielen gab Landa auch ein „Abc“ der Mayaschrift, das aber mit keinem anderen Alphabet vergleichbar wäre, so enthält es drei Zeichen für „A“, zwei für „B“, „L“, „O“, „X“ und „U“ und sogar einige Zeichen die mit einem syllabischen Wert wie „CA“, „CU“ oder „KU“ bezeichnet sind. Da Brasseur ohne Kenntnis der Leserichtung interpretierte, waren seine Lesungsversuche einzelner Hieroglyphenblöcke anhand dieses „Abc“ in den Handschriften zum Scheitern verurteilt. Obwohl frühere Gelehrte wie Rafinesque-Schmaltz oder der amerikanische Forschungsreisende John Lloyd Stephens vermutet hatten, dass die Schrift mit den Mayasprachen verknüpft sein müsse, ignorierte Brasseur die Tatsache, dass seine Lesungen keine sinnvollen Mayawörter ergaben. Brasseur de Bourbourgs Verdienst für die Mayaforschung besteht darin, zahlreiche kolonialzeitliche Wörterbücher, Grammatiken und Texte in verschiedenen Mayasprachen in Archiven und Privatbesitz aufgespürt und diese in verschiedenen Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben.

Auch wenn isolierte Lesungen, etwa 1876 die der Himmelsrichtungen durch Léon Luis de Rosny, in der Folgezeit vollbracht wurden, bestand die Mayaforschung aus zwei Lagern: jenen, die einen phonetischen Ansatz vertraten und Landas „Abc“ anwenden wollten und jenen, die eine Bilderschrift vermuteten. Hingegen vertrat de Rosny die These, wie auch andere Forscher, etwa der amerikanische Anthropologe Cyrus Thomas, wonach die Mayaschrift eine Kombination beider Systeme darstelle – eine Annahme die aber nicht durchsetzungsfähig war. Wieder andere, wie zum Beispiel der US-Anthropologe Daniel Brinton gingen von einer Rebusschrift aus und verglichen die Mayaschrift mit der aztekischen Schrift (die aber letztlich ebenfalls phonetisch ist). Léon de Rosny und Cyrus Thomas waren bedeutende Vordenker des phonetischen Ansatzes und ihre Veröffentlichungen enthalten Entzifferungen, wie zum Beispiel die Lesung der Hieroglyphe kutzu für „Truthahn“ (Tafel II, 34-35), moo „Arakanga“ (Tafel I, 37), kuch „Geier“ (Tafel I, 34) oder das Wortzeichen KAB „Erde; Honig“ (Tafel II, 8), die vier Jahrzehnte später von dem sowjetischen Ägyptologen Juri Knorosow aufgegriffen wurden und bis heute ihre Gültigkeit besitzen.

 

Rosny Study

Tafel I und II aus Cyrus Thomas‘ „Are the Maya Hieroglyphs Phonetic“ (1893)

Der Kalender

Während der sprachliche Gehalt der hieroglyphischen Texte weiter lange enigmatisch blieb, wurden auf dem Gebiet der Kalenderarithmetik rasche Fortschritte erzielt. Nach Vorarbeiten von Brasseur de Bourbourg und de Rosny war es vor allem der deutsche Germanist und Bibliothekar Ernst Förstemann, der die kalendarisch-astronomischen Inhalte erschloss. Als Kustos der Dresdener Mayahandschrift veröffentlichte er 1882 eine Faksimileausgabe und erklärte bis 1893 unter anderem folgende Mechanismen darin: die lineare Tageszählung seit einem Nulldatum, den Aufbau der 260-Tages-Almanache, die Berechnung des 584-tägigen Venuszyklus und die Grundlagen zur Berechnung von Mondfinsternissen (Zusammenfassung und englische Übersetzung seiner Forschung).

1905 schließlich konnte der amerikanische Verleger John Goodman eine Korrelation der linearen Tageszählung mit dem gregorianischen Kalender vorschlagen, eine Bestätigung fand der mexikanische Forscher Juan Martínez Hernández 1926, der britische Gelehrte Eric Thompson korrigierte die Korrelation 1935 um drei Tage auf die Konstante von 584,285 Tagen, die den Nullpunkt des Mayakalenders und den des Julianischen Kalenders verbinden. Bis heute ist diese sogenannte GMT-Korrelation allgemein anerkannt.

Bis in die 1950er Jahre hinein dominierte die kalendarisch-astronomische Schule der Mayaepigraphik und kulminierte zweifelsohne in Thompsons 1950 erschienenen Werk Maya Hieroglyphic Writing, in dem detailliert ein Großteil der bekannten kalendarischen Zyklen abgehandelt wurde. Ebenso trug Thompson die formalen Funktionsweisen der Mayaschrift zusammen, die zusammen mit seinem 1962 erschienenen Katalog bis heute Standards gesetzt haben. Allerdings lehnte Thompson noch bis kurz vor seinem Tod 1975 den phonetischen Ansatz ab. Andere Fachkollegen, wie Floyd Lounsbury und David Kelley standen neuen Ideen des phonetischen Ansatzen offener gegenüber, auch wenn ihre Beiträge zum Kalender und zur Astronomie ihr eigentliches Vermächtnis sind.

Der phonetische Ansatz

Es bedurfte der komparativen Perspektive eines Ägyptologen, um dem phonetischen Entzifferungsansatz zum Durchbruch zu verhelfen. Von 1952 bis 1955 veröffentlichte der sowjetische Forscher Juri Knorosow mehrere Arbeiten zu seiner Methode. Er stellte erstens fest, dass die Mayaschrift in etwa gleich viele Zeichen aufweist wie die ägyptischen Hieroglyphen, die 1823 von Jean-François Champollion entziffert wurden und damit mehr als jede Alphabetschrift, aber weniger als rein logographische Schriften wie etwa das Chinesische. Er ging also von einem gemischten, logo-syllabischen System aus.

Seiner Meinung nach hatte Landa die syllabischen Zeichen der Struktur KV (Konsonant-Vokal) missverstanden, als Indiz nahm der die verschiedenen Zeichen für einen „Buchstaben“ und die wenigen Belege von KV-Zeichen (wie dem „CU“). Basierend auf der 1897 erschienenen Arbeit von Paul Schellhas zu den Göttergestalten in den Handschriften begann Knorosow, Bild und Text zu korrelieren und lexikalisch zu begründen. In einer Vignette des Madrider Codex erscheint die Figur eines Truthahns, der im yukatekischen Maya kutz heißt. Im zugehörigen Text erscheint Landas „CU“-Zeichen (= ku gemäß kolonialspanischer Orthographie) plus ein unbekanntes Zeichen. Basierend auf einer angenommenen Vokalharmonie mit ku postulierte Knorosow den Lautwert tzu um den auslautenden Konsonanten von kutz zu schreiben. Er testete diese Hypothese mit einem Hieroglyphenblock im Dresdener Codex, der mit dem Abbild eines Hundes, tzul auf Yukatekisch einhergeht. Während das erste Zeichen das gleiche tzu ist, musste also das zweite den syllabischen Lautwert lu haben. Tatsächlich entspricht dieses zweite Zeichen einem der beiden „L“ in Landa. Auf diese Weise konnte Knorosow weitere Silbenzeichen identifizieren.

Codex Madrid & Dresden

Vignetten 91a3 des Codex Madrid und 7a2 des Codex Dresden mit den Schreibungen ku-tzu und tzu-lu. (Original des C. Dresden, Faksimile des C. Madrid)

Mit ikonographischen Vergleichen kann Knorosow sogar Logogramme semantisch isolieren und mit yukatekischen Wörterbüchern auch sprachlich annähernd beschreiben. Er entdeckt dabei auch das Prinzip der phonetischen Komplementierung, bei dem Silbenzeichen als Lesehilfen dienen (etwa CHAN-na für chan, „Himmel“).

Allerdings war die Methode nicht unproblematisch, da Schreibungen nicht unbedingt immer synharmonisch (also KV1-KV1) sein mussten, sondern auch disharmonisch (also KV1-KV2) erscheinen konnten. Trotz kurzfristiger englischer Übersetzungen seiner Arbeiten in amerikanischen Zeitschriften blieb Knorosows Arbeit durch reale und mentale Mauern zwischen Ost und West lange vernachlässigt, insbesondere bekämpft durch Eric Thompson.

Der historische Ansatz

Einen anderen Ansatz als Knorosow verfolgte die Exilrussin Tatiana Proskouriakoff, die am Peabody Museum der Harvard University angestellt war. In einem 1960 publizierten Artikel konnte sie erstmals darlegen, dass zumindest die steinernen Monumentalinschriften historische Daten aus dem Leben von Herrschern beinhalten. Obwohl sie Knorosows Ansatz ablehnte, musste selbst Eric Thompson anerkennen, dass er mit seiner Einschätzung, die Inschriften würden nur astronomischen Inhalt hatten, falsch lag.

Anhand eines Stelenprogramms in der Fundstätte Piedras Negras, welches verschiedene Herrscher porträtiert, arbeitete Proskouriakoff ein Datumsmuster mit zwei Schlüsselhieroglyphen heraus. Anhand einer Seriation konnte sie zeigen, dass die erste Hieroglyphe immer die früheste ist, die mit einem Herrscher assoziiert ist, während die zweite jeweils immer 10-30 Jahre später liegt, aber immer nach dem letzten Datum des vorangegangen Herrschers. Sie schloss korrekt, dass diese beiden Ausdrücke Geburt und Inthronisation bezeichnen, auch wenn eine sprachliche Lesung noch nicht gegeben war.

In weiteren Arbeiten konnte Proskouriakoff den historischen Ansatz weiter präzisieren, unterstützt durch die Arbeiten anderer Forscher. So konnte der Deutschmexikaner Heinrich Berlin 1958 darlegen, dass die Namensphrase eines Herrschers immer von einer Hieroglyphe von fixer Struktur mit einem variablen Element gefolgt wurde, das von Ort zu Ort variiert. Er nannte dies „Emblemhieroglyphe“ und sah darin den Namen des jeweiligen Stadtstaats und ein Hilfsmittel zur Rekonstruktion politischer Organisation.

Die Früchte einer neuen Generation

Nachdem Knorosows Arbeiten im Westen bekannt geworden waren, studierten gleichzeitig einige junge Studenten und Doktoranden an der Harvard University, an der auch Proskouriakoff angestellt war. Dieser Nachwuchs, unter ihnen David Kelley und Michael Coe, war den neuen Entwicklungen gegenüber sehr offen. Inbesondere Kelley wand den phonetischen Ansatz erstmals auf die Steininschriften an und konnte erfolgreich neue Zeichen sprachlich entziffern, eine Arbeit die 1976 im Werk Deciphering the Maya Script kulminierte und ein allgemeines Umdenken einleitete.

Ein zweiter Zündfunke für die Weiterentwicklung der Mayaschriftforschung war die erste Mesa Redonda in Palenque in 1973, organisiert von der Kunstlehrerin Merle Greene Robertson, die bereits seit einigen Jahren in der nahegelegenen Ruinenstätte gleichen Namens Inschriften dokumentierte. Hier diskutierten zum ersten Mal Archäologen, Epigraphiker, Kunsthistoriker und begeisterte Laien zusammen. Neben Floyd Lounsbury, der als Mathematiker und Linguistik bedeutende Arbeiten zur Mythologie von Palenque beisteuerte, aber auch zwei Jahre zuvor Berlins Emblemhieroglyphen sprachlich entziffern konnte, nahmen noch die Grafikerin Linda Schele und statt David Kelley sein Student Peter Mathews teil. Ihr nachhaltiger Beitrag bestand darin, die Dynastiegeschichte von Palenque aufgearbeitet zu haben, die Lebensdaten und Namen von sechs aufeinanderfolgenden Herrschern – innerhalb eines Nachmittages. Wenig später konnte diese Gruppe in Washington die frühe Geschichte Palenques zurück ins Licht holen.

Diese Arbeiten lieferten nicht nur neue biographische Ausdrücke, welche die beiden „Ereignishieroglyphen“ von Proskouriakoff ergänzten, sondern auch Verwandschaftsausdrücke und vieles mehr. Gleichzeitig konnte menschliche Geschichte in die der Götter eingebettet werden, wie in nachfolgenden Mesas Redondas dargelegt. Viel wichtiger aber war die Erkenntnis, dass Texte ganzheitlich analysiert werden mussten und damit erste Schritte zur Rhetorik, Syntax und Morphologie des Klassischen Maya getan wurden. Ab 1978 fanden neueste Erkenntnisse der Mayaschrift durch die jährlichen von Linda Schele initiierten Maya Meetings eine weitere Verbreitung in Fachkreisen.

Die Entzifferung der Mayaschrift kam ab den späten 1970er Jahren mit großen Schritten voran. Ein weiterer Meilenstein war 1979 die Tagung Phoneticism in Maya Hieroglyphic Writing in Albany, die Epigraphiker unter Federführung von Linguisten vereinte. Hier wurden erstmals Methoden der historischen und komparativen Linguistik und Graphematik auf die Mayaschrift angewandt. Eines der Ergebnisse der Tagung war erstmals ein Raster der KV-Silbenzeichen, das bis heute erweitert wird. Mit der gleichen Methode wie einst Knorosow konnte etwa David Stuart 1987 das Syllabar gleich um zehn Zeichen und dessen Varianten erweitern.

Die Epigraphie der Moderne

Heute ist ein guter Teil der Mayaschrift lesbar, laufende Entzifferungen lassen nicht nur unser Textverständnis anwachsen, sondern ermöglichen uns auch tiefere Einblicke in die Kultur der klassischen Maya. Auch wenn es nach wie vor wichtig ist, den Lautwert von Zeichen zu erschließen, hat sich der Fokus der Epigraphik verlagert und weiterentwickelt.

Ein verbessertes Verständnis von Schrift und Sprache ermöglicht tiefere Einsichten hinsichtlich der Sprachentwicklung und -geographie, orthographischen Mechanismen und zugrunde liegenden kognitiven Prozessen und damit auch phonologischen Charakteristika der geschriebenen Sprache. Wie verschiedene Arbeiten von Forschern wie Nikolai Grube, Stephen Houston, Alfonso Lacadena, John Robertson, David Stuart oder Søren Wichmann gezeigt haben, ist das „Klassische Maya“ kein monolithischer Block. Besonders die Studien The Language of Classic Maya Inscriptions und Quality and Quantity in Glyphic Nouns and Adjectives von Anfang der 2000er Jahre, sowie der Sammelband The Linguistics of Maya Writing haben wegweisende Erkenntnisse geliefert und den Weg für die weitere Forschung bereit.

In ihrem über 1500-jährigen Verwendungszeitraum hat die Mayaschrift neue Zeichen hervorgebracht, während alte außer Gebrauch gerieten. Die Schriftsprache war Veränderungen aus den gesprochenen Sprachen unterworfen, die sich mittlerweile auch besser zeitlich und genetisch zuordnen lassen. Die Datierung vieler Inschriften ist dabei von größtem Wert. Epigraphischer und linguistischer Erkenntnisgewinn sind dabei rückgekoppelt und bringen sich gegenseitig vorwärts. Viele Fragestellungen, vor allem im Detail bleiben aber nach wie vor problematisch oder sind noch ungelöst, manche werden vielleicht nie beantwortet werden können.

Seiner Zeit weit voraus schrieb Cyrus Thomas 1892: „Is the Maya writing phonetic? […] This statement I firmly believe I can maintain […].“ Mit jedem neuen Forschungsergebnis kann diese Aussage weiter unterstrichen werden

Problemfelder

Dokumentation

Bis heute gibt es kein vollständiges Verzeichnis der bekannten Texte oder ein Archiv, das der Forschung zur Recherche bereitsteht. Bestehende Archive sind unvollständig und nur sehr partiell digitalisiert und daher auch nur an ihrem Standort zu konsultieren. Wünschenswert wäre ein vollständig digitalisiertes Archiv im Internet, das alle bekannten Inschriften erfasst und für die Forschung zugänglich macht. Die Re-Kontextualisierung von Inschriftenträgern unbekannter Herkunft ist ein weiteres Desiderat. Mit Hilfe des EDV-gestützten Textkorpus ließen sich paläographische und inhaltliche Vergleiche durchführen die es erlauben würden, die Herkunft der Artefakte einzugrenzen und ihren historischen Kontext zu rekonstruieren.

Entzifferung

Weite Teile der Maya-Inschriften sind zwar lesbar, doch der Prozess der Schriftentzifferung ist noch immer nicht abgeschlossen, da die Lesung vieler Wort- und Silbenzeichen bislang noch nicht gelungen ist. Darüber hinaus können bestimmte Zeichenfolgen zwar lautsprachlich gelesen werden, entziehen sich jedoch der Übersetzung, da die entsprechenden Korrelate in den heutigen Mayasprachen oder deren kolonialzeitlichen Varianten noch nicht identifiziert wurden. Diesem Defizit will das Projekt mit sorgfältigen etymologischen Forschungen und linguistischen Analysen begegnen. Hinzu kommt das Problem, dass bisherige lexikalische Listen häufig auf falschen Lesungen basieren und folglich inkonsistente Interpretationen erzeugt worden sind.

Eine korpusbasierte Überprüfung von Lesungshypothesen ist daher ein wichtiges Desiderat. Hierzu muss das Zeicheninventar der Mayaschrift vollständig erfasst sein und laufend aktualisiert werden, sobald Inschriftenfunde mit bislang nicht erfassten Zeichen das Gesamtkorpus ergänzen. Zeichenklassifikationen sind besonders bei Schriftsystemen, deren Entzifferung noch nicht abgeschlossen ist, ständig auf ihre Konsistenz zu überprüfen. Da die bisherigen Kataloge in vielen Bereichen unvollständig und fehlerhaft sind, ist die Erarbeitung eines neuen dynamisch angelegten digitalen Zeichenkatalogs dringend notwendig.

Schriftsystem

Die Struktur des Schriftsystems ist nur oberflächlich bekannt. Die Rekonstruktion der Konventionen nach denen sich ein Schreiber richtete, steht erst in den Anfängen. Die Kontroverse um die Bedeutung und Funktion vokalharmonischer und -disharmonischer Schreibungen sowie der Funktion von phonetischen Komplementierungen von logographischen Zeichen hat die Debatte um orthographische Konventionen in den letzten Jahren beherrscht. Der Debatte liegt die Frage zu Grunde, ob und in welcher Form die Maya Vokallängen und Vokalqualitäten in der Schrift repräsentierten. Die Diskussionen berücksichtigen jedoch nicht die Dynamik des Schriftsystems. Sie erfassen bislang weder räumliche noch zeitliche Aspekte von Schrift- und Sprachphänomenen.

Verschiedene Hypothesen über die Konventionen des Schriftsystems beruhen auf unzureichenden sprachlichen Lesungen. Untersuchungen zur geographischen Verteilung, die Rückschlüsse auf intrakulturelle oder diastratisch bedingte Varietäten zuließen, wurden bislang nicht unternommen. Veränderungen der Zeichenformen, des Zeichenbestands, allomorphe Schreibungen oder die Kriterien, nach denen Zeichen im Block angeordnet wurden, sind bisher unzureichend beschrieben und analysiert. Forschungslücken sind auch auf dem Gebiet der Paläographie evident. Bislang liegt hierzu nur eine Arbeit von Alfonso Lacadena vor, die jedoch nur ausgewählte Beispiele aus dem Textkorpus behandelt. Eine umfassende paläographische Zeichenliste, wie sie etwa für das Sumerische von René Labat vorliegt, wurde bislang noch nicht erstellt und ist ein dringendes Forschungsdesiderat.

Sprache

Eine umfassende Sprachbeschreibung des Klassischen Maya steht noch aus. Sie ist bis jetzt noch nicht erfolgt, weil grundlegende Kenntnisse über die Phonologie (zum Beispiel über Vokalqualitäten), über morphophonemische Prozesse (zum Beispiel die Veränderung von Vokallängen in bestimmten Kontexten), über den Bereich der Verbmorphologie und ihr Tempus/Aspekt/-Modus-System, über die Bedeutung von Adverbien und Deixis fehlen. Wir können daher auch wichtige Entwicklungen innerhalb der Mayasprachen, wie etwa die Entstehung von Teilergativität, noch nicht nachvollziehen.

Diskursgrammatische Untersuchungen sind bislang erst an wenigen Texten unternommen worden. Auch die literarischen Genres und ihre sprachlichen Manifestationen sind nur exemplarisch erforscht worden. Das Verhältnis von gesprochenen Sprachen zur Schriftsprache und die Prozesse der Innovation innerhalb des Klassischen Maya sollten in Relation zu historischen, sozialen und kulturellen Prozessen analysiert werden. Der Eindruck, dass das Schriftsystem im Tiefland zu einem bestimmten Zeitpunkt weitestgehend homogen gewesen sei, basiert häufig auf punktuellen Untersuchungen und muss im Rahmen umfangreicher Textanalysen verifiziert oder falsifiziert werden. Auch steht die Rekonstruktion der Sprachgeographie und Soziolektik des klassischen Mayatieflands noch in ihren Anfängen, da vertiefende Studien aufgrund eines fehlenden Lexikons des Klassischen Maya bislang noch nicht durchgeführt werden konnten.

Lexikographie

In Bezug auf das Lexikon des Klassischen Maya sind verschiedene Ansätze gemacht worden Wörterlisten und Wörterbücher zu kompilieren. Diese sind jedoch unvollständig, fehlerhaft und dekontextualisiert; sprachliche Lesungen bleiben häufig unbegründet. Das entscheidende Defizit ist jedoch das Fehlen eines Vorkommensnachweises, der nicht nur alle Texte – einschließlich noch nicht entzifferter Passagen – erfasst, sondern auch ihre originale hieroglyphische Schreibung abbildet und alphanumerische Transkriptionen bereitstellt. In den bisherigen katalogartigen Bestandsaufnahmen von hieroglyphischen Ausdrücken fehlen morphologische und grammatikalische Analysen der gelesenen hieroglyphischen Ausdrücke, zeiträumliche Referenzen, Erläuterungen zum kulturellen Kontext, Begründungen zur Übersetzung sowie bibliographische Angaben zu Vorarbeiten.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Varietäten und Entwicklungen von Lexikon, Grammatik und Schrift anhand der bislang existierenden Wörterbücher nicht nachzuzeichnen sind. Ebenso wenig ermöglichen sie Einblicke in die Kontexte, in denen sprachliche Ausdrücke verwendet wurden. Die zur umfassenden Erforschung von Schrift und Sprache erforderliche Interaktivität zwischen Textkorpus und analytischem Wörterverzeichnis findet sich in keinem der bislang publizierten Wörterbücher oder –listen.

Fragestellungen

Neben den allgemeinen Problemfeldern können eine Reihe von forschungsspezifischen Fragestellungen entwickelt werden. Diese beziehen sich nicht nur primär auf die Grammatologie und Linguistik der Hieroglyphenschrift. Wichtig sind komparative Perspektiven zu anderen Schriftsystemen, aber auch ein interdisziplinärer Ansatz unter Einbeziehung der Psycho- und Soziolinguistik, sowie quantitativer Methoden und Typologie.

Schrifttypologie

Ein widerspruchsfreies Verständnis der Natur und Funktionsweise eines Schriftsystems ist der Schlüssel für jede Forschungsfrage innerhalb der Epigraphik. Die neuere Forschung hat die Typologie von Schriftsystemen durch Komparatistik wesentlich feinkörniger herausarbeiten können. Der Ansatz einer komparativen Graphematik in der Mayaepigraphik ist nicht neu, aber anstatt andere Schriftsysteme ausschließlich zur argumentativen Unterstützung heranzuziehen, ist eine differenziertere Herangehensweise von Vorteil. Zum Beispiel sind Homophonie und Determinative im Maya, im Ägyptischen und der Keilschrift graphematisch unterschiedlich realisiert, da alle drei verschiedene Ausprägungen eines grundsätzlich logo-syllabischen Schriftsystems sind. Eine kontrastierende Perspektive aller drei Systeme führt also zu einem klareren Verständnis der Gemeinsamkeiten wie auch der Unterschiede und damit zu einer präziseren Typologie.

Zeicheneigenschaften

Keine Schrifttypologie kann ohne eine genaue Definition des graphemischen Lexikons, also der funktionalen Zeicheneigenschaften, hergeleitet werden. Während die Dichotomie zwischen pleremischen („inhaltlichen“, also logographischen) und kenemischen („lautlichen“, also syllabischen) Zeichen außer Frage steht, sind einige Probleme noch ungelöst. Hierbei steht die Frage im Raum, ob noch weitere Zeichenklassen existieren, wie sie etwa mit den Morphosilben (Silbenzeichen mit bedeutungstragender Funktion) oder semantischen Klassifikatoren (zur Anzeige von semantischen Domänen) vorgeschlagen wurden. Die Zeicheneigenschaften sind ebenfalls eng mit der Orthographie verbunden und unterstützen damit die Versuche des Epigraphikers, die Lesefolge einer Zeichenkette zu rekonstruieren. Unter Berücksichtigung des mentalen Lexikons muss also auch die orthographische Tiefe der Mayaschrift geklärt werden und inwieweit die Zeichenverwendungen mitunter konvergieren.

Harmonieregeln

Die Frage der orthographischen Tiefe betrifft nicht nur das graphemische Lexikon und Phänomene wie Zeichenellipsen oder -metathesen, sondern auch die viel debattierten Mechanismen ob und wie Vokalquantitäten durch harmonische und disharmonische Schreibungen indiziert sind. Dabei ist aber auch noch nicht abschließend geklärt, ob das Vokalsystem das Klassische Maya ein quantitatives (also mit bedeutungsunterscheidender Funktion) oder ein qualitatives (durch Betonung und Silbenlänge ohne Bedeutungskontrast) war. Noch weniger sind die exakten „Regeln“ bekannt. Die beiden wichtigsten Modelle hierzu schließen sich gegenseitig aus. Auch ist die Datengrundlage für die Formulierung der Modelle nie vollständig publiziert worden. So ist unbekannt, wie viele Schreibungen jeweils für ein Lexem analysiert wurden. Insbesondere wurde nie umfassend geklärt, inwieweit die Harmonieregeln an Morphemgrenzen gelten oder ausgesetzt werden.

Sprachaffiliation

Der Vorschlag eines „Klassischen Ch’olti’an“ als eine statische lingua franca im höfischen Kontext hat einen gewissen Reiz, wenn man sie mit dem fossilierten Mittelägyptisch als der sakralen Sprache des Neuen Reichs vergleicht. Damit wäre sie eine vernakulare Schriftsprache in einer echten Diglossiesituation. Ähnlich war die Stellung des klassischen, ciceronischen Lateins als die Hochsprache des Römischen Reiches und später im europäischen Geisteswesen. Diese Sicht ist ebenso wie die genetische Anbindung problematisch und klärt nicht die immer deutlicher werdende Sichtbarkeit von Vernakulareinflüssen in der Schrift. Wie die epigraphischen Daten zeigen, war die Sprachsituation deutlich komplexer und diversifizierter und weit weg von einer einheitlichen Hochsprache, insbesondere in weniger formalen Diskurssituationen und Textgenres. Neuere Daten zeigen in den Texten tatsächlich Übereinstimmungen mit der Sprachentwicklung aus dem Proto-Ch’olan, wie sie vor über 20 Jahren von der historischen Linguistik rekonstruiert wurde. Das Vorhandensein von Diglossie und vernakularen Einflüssen hat nicht zuletzt wiederum Einfluss auf die Schreibpraktiken und die orthographische Tiefe

 

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