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In memoriam Jürgen Riester (1941 - 2019)

Erinnerung an einen Freund der Indigenen

Prof. Dr. Jürgen Riester ist (am 13. September 2019) von uns gegangen, für die meisten Kollegen und Begleiter plötzlich und unerwartet; umso größer ist die Trauer! Er war ein großer Kenner der indigenen Völker im ostbolivianischen Tiefland und mehr als das: Er war ein Organisator, ein Beschützer, ein Filme-Macher, ein Ratgeber, ein Lehrer, ein Entdecker! Viele Bezeichnungen könnte man noch hinzufügen. Was der renommierte Anthropologe Javier Albó (SJ) für das Hochland bedeutet hat und bedeutet, das ist Jorge Riester für das ost-bolivianische Tiefland gewesen.

Im Gespräch konnte Jürgen Riester sehr einfühlsam, geradezu sensibel auftreten, bei der Durchsetzung von politischen Zielen hat er eine bemerkenswerte Gradlinigkeit und Konsequenz gezeigt. Mehrfach haben ihn deutsche Studenten-Gruppen besucht, die nach einem Treffen mit ihm tief beeindruckt waren vom Charisma dieser Lehrer-Persönlichkeit.

Etwas ist Jürgen Riester gelungen, wofür ihn seine Forscherkollegen aus Europa und den USA bewundern: Er hat auf die formale Sicherung eines mitteleuropäischen Gehaltes verzichtet und sich auf die begrenzten Einkünfte eines örtlichen Hochschullehrers und auf die unsicheren Einnahmen eines Verwaltungs-Leiters einer Nicht-Regierungs-Organisation verlassen. Was für ein Mut! Aber auf diese Weise war es ihm möglich, über Jahrzehnte in der Nähe seiner geliebten indigenen Völker zu leben.

Viele Dinge sind ihm gelungen: So hat er vor allem die indigene Dachorganisation (CIDOB) mit ins Leben gerufen. Diese „Confederación de Pueblos Indígenas del Oriente Boliviano“ ist aus den ersten inter-ethnischen Treffen hervorgegangen, die er Ende der 1970 er Jahre initiiert hat. In dieser Struktur haben sich bis zum Jahre 2009 insgesamt 34 indigene Völker des ostbolivianischen Tieflands zusammengeschlossen. Jürgen Riester hat sehr früh erkannt, dass die indigenen Völker des Oriente eine Minorität im Lande darstellen, wenn man sie mit den großen andinen Völkern der Quechua und Aymará vergleicht. Die Stärkung der Tiefland-Indigenen musste vor allem in der gegenseitigen Unterstützung und gemeinsamen Aktion liegen. Nur so konnten ihre Kosmovision und ihre Bräuche geschützt und ihre Landrechte und ihre Teilhabe an politischen Entscheidungen eingefordert werden.

Gerade die Zuwanderung zahlreicher Indigenen aus dem Hochland (seit den 1960 er Jahren) hat zu einer wachsenden Beeinträchtigung der Rechte der Tieflandvölker geführt. Das hat die Arbeit von CIDOB zu einem Politikum gemacht, das landesweit genauestens beobachtet wurde. Aber auch die Ausbreitung weißer Farmer aus Santa Cruz stellte eine Gefährdung für die angestammten Boden- und Nutzungsrechte der indigenen Völker dar. Hier ist namentlich von einer Zeit die Rede, als die Territorien der Indigenen noch nicht formal abgegrenzt und juristisch bestätigt waren. Aber auch in diesem Prozess einer neuen Agrarreform hat CIDOB Mitte der 1990 er Jahre eine wichtige Rolle gespielt.

Aber Jürgen Riester hatte nicht nur einen Sinn für politische Ziele und ihre Durchsetzung, er war auch ein ausgewiesener Fachmann für konkrete entwicklungspolitische Basis-Arbeit. Die von ihm vor 40 Jahren gegründete Nicht-Regierungs-Organisation APCOB (Apoyo para el Campesino-Indígena del Oriente Boliviano) war u.a. auf die Förderung einzelner Dorfgemeinschaften ausgerichtet. Dort gab es Vorhaben zu Landrechtsfragen, zu traditioneller Landwirtschaft oder zu nachhaltiger Forstwirtschaft. Eine Reihe von Geber-Organisationen aus Europa (zum Beispiel „Brot für die Welt“ oder MISEREOR) haben die Chance genutzt, um derartige Maßnahmen mit zu unterstützen.

In den letzten Jahren lag ein besonderer Arbeits-Schwerpunkt seines Instituts auf der Erstellung von filmischen Dokumentationen (Documentales). Sie dienten der Zusammenfassung von wissenschaftlichen Ergebnissen über die einzelnen indigenen Völker. Sie wurden unter Mitwirkung der jeweiligen indigenen Gemeinschaften zusammengestellt und dienten so deren eigenen Reflexion und Weitergabe von Werten. Diese Documentales bedeuteten einerseits eine zeitgemäße und ansprechende Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse, die weltweit Eingang gefunden hat in die einschlägigen Fachinstitute. Andererseits eigneten sich diese filmischen Dokumentationen vorzüglich für pädagogische Zwecke, z.B. im Rahmen der Bewusstseins-Bildung bolivianischer Studenten und fachlich interessierter Besucher aus allen Teilen der Welt.

Ihm gingen nie die Ideen aus: Mit großem Stolz hat er z.B. Schwarzweiß-Filme einer deutschen Mission aus den 1930 er Jahren, das DIA-Bild-Material von deutschen Forschern aus den 1950 er Jahren und Berichte deutscher Reisenden aus den 1960 er Jahren in sein Archiv aufgenommen. Seine Arbeit erstreckte sich auch nicht ausschließlich auf indigene Völker. In seiner Zeit als Professor an der Universidad Católica in Lima (1973-80) hat er zum Beispiel in den Barriadas der schnell wachsenden peruanischen Metropole völkerkundliche Untersuchungen angeregt und durchgeführt. In allen seinen Unternehmungen war er bestrebt, nicht über die Menschen sondern mit den Menschen zusammen zu arbeiten und das Gespräch auf einer gleichen Ebene zu führen. Nur so konnte sein Konzept des interkulturellen Austauschs gelingen. Sein zentrales Anliegen war es immer, gemeinsam mit den Indigenen einen Ort für soziale Gerechtigkeit zu schaffen.

Einige Fakten zum Leben und wissenschaftlichen Werk von Jürgen Riester: Geboren in Koblenz im Jahre 1941, Studium der Völkerkunde, Soziologie und der Vergleichenden Religionswissenschaften in Bonn; Dissertation über die Guarasug´we in Bonn; von 1970 bis 1972 Forschungen über die Chiquitano, Chimane und Guarayú; 1973 bis 1980 Prof. an der Universidad Católica in Lima; seit 1980 ständig in Santa Cruz; Herausgeber einer Zeitschrift über „Indigene Völker des Tieflandes“; Autor von mehreren Büchern und etwa 70 wissenschaftlichen Artikeln; Empfänger zahlreicher Ehrungen u.a. die eines Dr. h.c. der Universität „Gabriel René Moreno“ in Santa Cruz.

18.06.20 Wolfgang Schoop

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