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In memoriam Jürgen Golte (1943 - 2021)

Wir trauern um Professor Dr. Dr. h.c. Jürgen Golte *03.09.1943 Danzig † 30.07.2021 Lima

Die Nachricht vom Tode Jürgen Goltes kam überraschend für uns, obwohl wir um seine Krankheit wussten. Sie lässt uns bestürzt und traurig zurück, war er uns doch bis vor Kurzem noch ein verlässlicher Gesprächs- und Diskussionspartner trotz seines Ausscheidens aus dem aktiven Universitätsdienst am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin 2009, wo er seit 1980 Altamerikanistik gelehrt hatte.

Seine breit angelegten Forschungsansätze waren der Perspektive der longue durée verpflichtet. Dies zeigte sich bereits in seiner 1973 veröffentlichten Dissertation über die „Bauern in Peru“, in der er die „Entwicklungsfaktoren in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Indianischen Landbevölkerung von der Inka-Zeit bis Heute“ nachvollzogen hatte. Mit dem Konzept der „Racionalidad Andina“ (1980) erklärte Jürgen Golte die lange historische Dauer und die dynamische Kontinuität gesellschaftlicher Phänomene in den Anden. Diese Arbeiten sowie seine Studien über Lima, das sich durch die „interne Migration“ in Peru grundlegend verändert hatte, aber auch seine neue Interpretation der Ikonographie der archäologischen Kultur der Moche boten immer wieder Anhaltspunkte für spannende Diskussionen und fruchtbaren Austausch bei gegenseitigen Besuchen in Lima, Trujillo und in Bonn.

Jürgen Golte, der in Bonn, Lima und Berlin studiert hatte, hat einen eigenen, sehr spezifischen Ansatz der Altamerikanistik und speziell der Anden-Studien etabliert. Kontinuierlich und systematisch entwickelte er Erklärungen für die hoch komplexen und überaus komplizierten politischen und sozio-ökonomischen Verhältnisse in Peru, seiner zweiten „Heimat“, mit denen er zuweilen auch bis auf die historischen Prozesse der vor-inkaischen Perioden zurückgriff. Dies war ihm möglich, da er Peru, die Anden und die Küste, auf vielfältigen Wegen und über Jahrzehnte erkundet hatte, wobei er eine sehr persönliche Nähe zu den lokalen Bevölkerungen gewinnen konnte wie kein zweiter und seine Beobachtungen unmittelbar in seine häufig überraschenden, einem immer die Augen öffnenden Reflexionen über die peruanische Gegenwart flossen.

Jürgen Golte lehrte die letzten Jahre an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos in Lima. Von seinen dortigen Studierenden ließ er sich bis zuletzt anregen, neue Themen und Sichtweisen zu erarbeiten. Dafür steht eins seiner letzten Bücher mit dem Titel “Alasitas. Discursos, prácticas y símbolos de un ‘liberalismo aymara altiplánico’ entre la población de origen migrante en Lima” (2015), das er zusammen mit Doris León Gabriel, heute Doktorandin an der Universität Bonn, verfasste. Die als multi-sited ethnography angelegte Studie verknüpft rituelle und ökonomische Praktiken und Vorstellungswelten der Aymara des Altiplano mit der Entwicklung des Kapitalismus und einer spezifischen Form protestantischer Ideologie.

Jürgen Golte hat die Altamerikanistik in Deutschland nachhaltig und mit internationaler Ausstrahlung geprägt. Über seine Schüler und Schülerinnen werden seine Ideen lebendig bleiben. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl gelten seiner Familie und den Angehörigen.

Prof. Dr. Karoline Noack

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